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Zehn Thesen zur Bundespräsidentenwahl

in Gesellschaftskritik, Politik , by Fabian Transchel

Die Bundesversammlung hat gesprochen. Im dritten und somit letztmöglichen Wahlgang ist Christian Wulff mit 625 Stimmen aus den Fraktionen von CDU/CSU und FDP zum zehnten deutschen Bundespräsidenten gewählt worden. Ein kleines bisschen Analyse und ein kleines bisschen mehr Schadenfreude in zehn Thesen.

  1. Die Tatsache, dass Christian Wulff nun einmal Niedersachse ist und wir ihn in Hannover endlich los sind, ist Grund zu Freude genug. Der ganz anders charakterisierte McAllister als designierter Nachfolger wird einiges anders machen, aber es bleibt abzuwarten, ob er den "sympathischen" Ministerpräsidenten so ersetzen kann, dass Schwarz-Gelb in Hannover über 2013 hinaus besethen bleiben kann. Genug Zeit hat er also, dennoch muss man erst sehen, welchen Einfluss die Bundespolitik auf die politische Entwicklung Niedersachsen hat, doch dazu später mehr.
  2. Boshaft ist auch der Gedanke, dass Wulff auch in Hannover drei Wahlen brauchte, bis er (Minister-)Präsident wurde. Zugegeben, der politische Gegner (der im Gegensatz zu Wulff ja durchaus Ambitionen zur Kanzlerschaft wahrgenommen hat...) war vielleicht nicht charismatischer als Gauck, aber zumindest in Niedersachsen deutlich beliebter. Noch boshafter könnte man auch sagen, dass er nur deshalb Ministerpräsident geworden ist, weil Gerhard Schröder sich selbst nach Berlin wegbefördert, denn ob er ein drittes mal gegen ihn angetreten wäre, darf guten Gewissens bezweifelt werden. So könnte es Schwarz-Gelb in Hannover am Ende genauso gehen wie Rot-Grün zuvor, nämlich dass man nach der Abberufung des Zugpferdes mit blassem Kandidaten dem Gegner das Feld räumen muss.
  3. So groß die Auswirkungen auf Niedersachsen vielleicht auch sein mögen (und die geneigte Leserschaft, die aus meinem Umfeld stammt, vielleicht auch interessiert), die bundespolitischen sind dann doch viel spannender. Zunächst einmal ist die Tatsache zu zerreden, dass drei Wahlgänge nötig waren, weil in den ersten beiden 44, bzw. 29 Abgeordnete der Schwarz-Gelben Koalition nicht für Wulff votierten. Hier steht die Kanzlerin zuvorderst in der Verantwortung. In den kommenden Tagen wird man vielerlei Angehöriger ebenjener Koalition sagen hören, dass dieses Ergebnis der Tatsache geschuldet sei, dass man den Wahlmännern die Entscheidung zunächst freigestellt habe. Diese ebenso durchsichtige wie sachlich falsche Behauptung wird schon darin entkräftet, dass in jenem Szenario keine Notwendigkeit bestand, sich im dritten Wahlgang, in dem ja eine einfache Mehrheit ausreicht, umzuentscheiden. Wer vorher nicht für Wulff war, der war es sicher im letzten Wahlgang auch nicht. Nur, wo kamen die fehlenden Stimmen, die ihm am Ende dann doch eine absolute (aber nicht absolut benötigte) Mehrheit brachten, her? Ganz klar, das Wort der Stunde, das Schwarz-Gelb zu zerreden versuchen wird, lautet Fraktionsdisziplin. Letztlich haben die Abweichler, oder poetischer U-Boot-Abgeordnete, mit ihrer Wahl ja eine Aussage treffen wollen. Dafür gibt es mehrere mögliche Interpretationen:
  4. Naheliegend ist die Kombination der Motive, Angela Merkel für ihre Führungsschwäche abstrafen zu wollen. Das ist nicht nur in herausragender Manier gelungen, sondern unterstreicht selbst umso mehr, wie wenig man der Kanzlerin noch folgen mag. Christian Wulff ist in dieser Lesart nur deshalb im dritten Wahlgang gewählt worden, weil seine Niederlage auch unmittelbar die Niederlage und Demontage der Abweichler selber bedeutet hätte - und dazu sind Wahlmänner in einer Bundesversammlung dann doch politisch genug, dieser nicht ganz so verlockenden Option zu erliegen. Na gut, wenigstens 19 von ihnen hatten auch im letzten Durchgang Schneid (oder Wut) genug, genau dies zu tun.
  5. Die Zweite Option, mit der man rechnen muss ist die Frage, ob Christian Wulff als sympathischer und mächtiger Landesfürst, der selbst stets betont hat, sich nicht in der Bundespolitik zu sehen, nicht wirklich nur ein Notnagel war, weil Angela Merkel niemand besseren aufbieten konnte (oder: wollte) oder weil sie einen der letzten Mächtigen neben sich in der Partei (Rüttgers abgewählt, Koch von selbst zurückgetreten...) endlich loswerden wollte, denn, so ehrlich muss man sein, nach seiner Präsidentschaft ist Wulff, dann Mitte Fünfzig, politisch verbrannt. Sollte letzteres Merkels Kalkül sein, so muss man sich fürchten, dass sie sich nunmehr noch mehr als zuvor auf der Machtfülle in Partei und Kanzleramt ausruhen wird und man darf sicher sein, dass Schwarz-Gelb ein jähes unrühmliches Ende droht. Sollte ersteres zutreffen, darf man wenigstens die Erkenntnis erwarten, dass diese Abstrafung aus der eigenen Partei auch eine Zäsur in der schwarz-gelben Problemehe bedeuten muss.
  6. Angela Merkel ist so alternativlos wie nie in der Union, alle starken Männer abgesehen von Guttenberg, der sich nach der Kunduz-Affäre zumindest zurzeit auffällig bedeckt hält hat sie ausgeschaltet. Man darf hier auch bedenken, dass Guttenberg vielleicht nur deshalb nicht vorgeschlagen wurde, weil er de jure zu jung ist, aber das geht dann wohl doch zu weit. Spannend wird zu beobachten sein, wie Merkel nun die Partei wieder zur Geschlossenheit aufrufen wird und wie die Grabenkämpfe zwischen Union und Union und Union und FDP umso grässlicher weitergeführt werden.
  7. Allein die Chuzpe, die FDP-Generalsekretär Linder besaß, nur einen Tag vor dieser verhängnisvollen Wahl die umstrittenen Hotel-Subventionen in Frage zu stellen zeigt, dass die FDP nur noch das Interesse hat, möglichst schadlos, aus dieser zerrütetten Ehe herauszukommen und dabei die Fünf-Prozent-Hürde möglichst schnell wieder zu nehmen, denn auch den Gelben in Berlin und anderswo ist klar, dass der Bürger sieht, dass Gelb nicht mehr zu Schwarz passt (warum, siehe unten), und das 15% in Land oder Bund auf Jahrzehnte ausgeschlossen sind, wenn man es jetzt nicht schafft wieder das in der Koalition hoffnungslos verloren gegangene Profil aufzubauen. (Vermutlich sind 15% auch bei erfolgreicher Profilierung gegenüber der Union ausgeschlossen, aber dann vor allem, weil die Mitte ohnehin immer enger wird.)
  8. Die gegenseitigen Anfeindungen, die diese Koalition prägen wie in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte noch nie haben viele Gründe, die nach und nach zum Tage treten. Zunächst ist festzustellen, dass seit der letzten Landtagswahl in Bayern die CSU auch dort mit den Liberalen koaliert, was gehörig am alteingesessenen csu-bayerischen Selbstvertrauen nagt. Damit nicht genug, muss man es auch in Berlin mit ihnen aushalten. Dass dieses ungeschickte Verhalten womöglich gar die Erbmonarchie Mehrheitsverhältnisse in Bayern nachhaltig verändern könnte sehen die CSU-Oberen freilich nicht, aber auch Bayern wird verloren gehen, wenn man sich nicht bald zünftig verträgt. Der FDP ist an dieser Stelle aus meiner Sicht kaum ein Vorwurf zu machen, denn als kleiner Koalitionspartner muss man sich immer gegen den größeren profilieren, will man nicht in der nächsten Wahl vom Souverän mit dem Argument abgestraft werden, dass ja ohnehin mehr Gestaltungsmacht beim größeren Partner lag, warum also nicht gleich den wählen. Das heißt nicht, dass die FDP sich hier mit Ruhm bekleckert, sondern dass es sich dabei um eine Art Selbsterhaltungstrieb handeln muss.
  9. All diese Festellungen sind Nebenkriegsschauplätze, verglichen mit der antriebslosen Apathie, die in Berlin im Kanzleramt residiert. Worin diese Führungs- und Gestaltungsschwäche begründet liegt kann man von außen sicher nur raten, zumindest aber dergleichen Phänomene aufzeigen und verurteilen. Deutschland hat, wenn ich mich dieser durchaus populistischen Phrase bedienen darf, mehr verdient als eine Kanzlerin der eingeschlafenen Füße, die einen Kanzler der ruhigen Hand ablöste und deren Dynamik irgendwie auf dem Weg zur zweiten Legislaturperiode verloren ging. Vielleicht ist der Mangel an Konkurrenz, den Angela Merkel sich nach und nach geschaffen hat der Grund dafür, keine mutigen Entscheidungen zu treffen.
  10. Wenn niemand in der eigenen Partei (man denke an den Präsidenten von Angelas Gnaden, der nun brav Schloss Bellevue zu hüten hat, den Ministerpräsidenten aus NRW, der mit voller Kraft in der Mitte der Gesellschaft strandete oder dem müden Machtmenschen aus Hessen, der nun sein eigenes Süppchen kocht) oder dem Koalitionspartner (Guttenberg, dessen Glanz sich wohl oder übel noch immer nicht aus Kunduz zurückgemeldet hat, oder Westerwelle etwa, dessen politisches Geschick auf Dauerauslandsreise ist) niemanden mehr findet, der begründet (und nicht polemisch und reflexartig, wie es all die Parteisoldaten auf den Nebenkriegsschauplätzen selbstzerfleischenderweise tun) widersprechen und mitgestalten kann, dann ist Angela Merkel nicht nur eine einsame, sondern auch eine machtlose Kanzlerin geworden, auf dem vermeintlichen Höhepunkt ihrer Gestaltungsoptionen in der Partei. Zur Erinnerung, noch immer stellte Schwarz-Gelb die Mehrheit in der Bundesversammlung, und es bedarf eines Horst Köhlers, Angela Merkel den Spiegel vorzuhalten. Christian Wulff ist zu beneiden. Er wird müßig von der Bellevue aus verfolgen, wie sich diese Regierung selbst zerlegt, müßig Rücktrittsgesuche an- und Regierungsneubildungen vernehmen. Und vielleicht denkt er schon heute, wie gut, dass er nicht mehr für Angela Merkel in die Bresche springen muss, wie gut, dass der Bundespräsident Berlin nicht sagen muss wie es zu regieren hat. Was Horst Köhler sich selbst um sein Amt bringen ließ wird Wulff niemals passieren, dafür ist zu parteitreu und ambitionslos. Vielleicht ist das ja auch genau, was Angela Merkel von ihm erwartet.
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Zehn kulturlose Anmerkungen

in Gesellschaftskritik, Philosophisches , by Fabian Transchel

Mir wurde neulich vorgeworfen, ich sei (als Deutscher) kulturlos, weil ich mir keine Mühe gäbe, mit unseren anglophonen Postdocs Deutsch zu sprechen, auch aber nicht nur ausserhalb der Uni. Im Gegenteil, es sei nicht nur vorgeschobene Höflichkeit, die mich Englisch sprechen ließe, sondern die Verleugnung der deutschen Kultur an sich, dass ich nicht darauf bestünde in meinem Land meine Sprache zu sprechen, schließlich würden (beispielsweise) Franzosen auch keine Rücksicht nehmen, wenn ich in Frankreich kein Französisch sprechen könne. Soviel zur Vorgeschichte.

Was folgt sind zehn boshafte, zutiefst gekränkte Richtigstellungen eines Kulturlosen.

  1. Richtig ist, dass teilweise Bequemlichkeit der Grund dafür ist, mit anglophonen Postdocs kein Deutsch sprechen zu wollen. Sie können Englisch, ich kann Englisch, so what?! Die Existenz einer Lingua Franca in der akademischen Welt ist nicht nur hilfreich, sondern uneingeschränkt notwendig zur effektiven neuzeitlichen Forschung. Noch vor dreißig Jahren musste, wer international (in den Naturwissenschaften) anerkannt forschen wollte, Englisch, Deutsch, Französisch und Russisch beherrschen, um all die verschiedenen Forschungsbeiträge zusammentragen zu können. Insofern ist es uneingeschränkt positiv, dass eine Sprache ausreicht um alle internationalen Veröffentlichungen rezipieren zu können. Gar zu fordern, dass dies doch bitte zufällig die eigene Muttersprache sein müsse, ist, gelinde gesagt, arrogant.
  2. Englische Gespräche mit einem australischen Postdoc (der mein Co-Betreuer ist) sind für mich ausserordentlich gewinnbringend. Sicher, mein Akademikerenglisch würde sich auch im Dialog mit einem radebrechend schwafelnden chinesischen Betreuer verbessern, aber gewiss nicht in der vorliegenden Geschwindigkeit. Ich glaube nicht, dass ich Gefahr laufe, australischen Akzent zu assimilieren, aber mein Vokabular hat sich bereits merklich gebessert. Danke, Mick!
  3. So, jetzt wollen wir aber die Kurve zu hochsprachlicher Auseinandersetzung mit Kultur (oder gerade des Fehlens einer solchen) kriegen. Dazu zunächst eine Definition: Kultur ist die Grundgesamtheit aller Lebensaspekte, die gestalterische Methoden und inhärente Verhaltensmuster umfasst, ohne sie freilich zu erschöpfen. Kultur ist ferner ein komparatives Abstraktum, das Bevölkerungsgruppen hinsichtlich Lebensgewohnheiten und schöpferischer Tätigkeit gegeneinander abgrenzt. Das wirft bereits die Frage auf, inwiefern man einem Individuum Kulturlosigkeit vorwerfen kann, indem man es als Teil einer Gruppe auffasst. Ich kann mir wohl kaum (nur) deutsche Kultur zueigen machen, wenn ich darüber hinaus keine weitergehenden Eigenschaften aufwiese, denn dann wäre ich vollkommen Gesichtslos und ohne eigene Auffassungen. Das bedeutet nicht, dass ich nicht Weimarer Klassik schätzen darf, sondern nur, dass ich nicht ausschließlich Goethe lesen kann. Genauso könnte man dann jemanden dafür kulturlos schelten, dass er lieber Nudeln und Pommes statt Bratkartoffeln isst.
  4. Die Folgerung, dass individuelle Kultur eine Superposition von Kultureinflüssen vieler verschiedener Gruppen ist, bedingt, dass individuelle Kulturlosigkeit auch nur eine solche Kulturlosigkeit in Teilaspekten mit sich bringen kann. Kulturlosigkeit bedeutet letztlich nichts anderes, als dass jemand, der sich für kultiviert hält, Aspekte meines Lebenssstils nicht teilt und jeweils pars pro toto entscheidet, dass ich überhaupt keine Kultur habe. Ich stimme uneingeschränkt damit überein, dass ich in dieser Hinsicht die deutsche Kultur in all ihren Facetten nicht genug würdige und schütze. Diese Einschätzung birgt jedoch die Erkenntnis, dass Kultur ein statisches Objekt sei, dass inhärent einem jeden gleich erscheinen müsse, sondern gar, dass ich als Teil einer Gruppe auch dafür zu sorgen habe, dass dieses Objekt statisch bleibt, das ist dann das, was man "Tradition erhalten" oder ähnlich nennt. Mitnichten! Kultur ist das, was man bekommt, wenn Menschen sich frei entfalten und verwirklichen können, gerade ohne darüber nachzudenken, was sie im Sinne der objektiven Kulturbegriffe tun und schaffen sollten.
  5. Dies vorangeschickt, können wir nun folgern, dass Kultur ein dynamischer Prozess ist, der die Gesellschaft (oder die betrachtete Untermenge der Gesellschaft) definiert und von ihr definiert wird. Was wir schaffen, verändert uns.

    Dem kann man kritisch gegenüberstehen. Es gibt die Position, dass der Mensch im Informationszeitalter durch Twitter, SMS & Co. zum Inhalts-Fastfood-Konsumenten verrohe. Die objektive Beobachtung dazu ist, dass die Kultur einer Teilgruppe (der digital natives, also der jungen Menschen, die mit der vernetzten Welt aufwachsen) zunehmend verrohe. Die objektive Deutung davon ist, dass das Ende des Abendlandes bevorsteht.

  6. Natürlich teile ich die Meinung, dass Ende des Abendlandes stünde bevor, in dieser Hinsicht nicht. Zunächst einmal ist diese Deutung alles andere als objektiv, und meine Gegenthese ist, dass das Abendland sich nur verändert - und seine Kultur mit ihm. Veränderung ist notwendig, um unseren Fortschritt sicherzustellen, so eine gängige Phrase. Nun kann man dagegen halten, ob Fortschrittsgläubigkeit, sogenannte Technokratie, überhaupt noch zeitgemäß sei. Stillstand jedoch bedeutet Verfall (und, um Guido Westerwelle unzulässigerweise ausserhalb des Zusammenhanges zu zitieren: "Dekadenz".) Deswegen muss, um die kulturelle Weiterentwicklung sicherzustellen, der technologische und soziologische Fortschritt die Möglichkeiten schaffen, unsere Kultur weiterzuentwickeln.

    Als Beispiel: Es hat einen Grund, warum wir nicht mehr auf Steintafeln schreiben oder Tierfelle als Kleidung tragen, auch wenn es eine Zeit gegeben haben mag, in der genau diese Veränderung als kulturlos gescholten wurde.

  7. Die Kultur folgt dem Fortschritt, bedingt ihn aber nicht selbst. Ein gutes Beispiel dafür ist dieses ZehnDinge-Blog: Ohne die Internettechnologien gäbe es diese wundervolle Ausdrucksform nicht, ohne Grundrechte dieses Landes dürfte ich diesen Mist hier nicht schreiben, und es stellt ohne Zweifel eine (zugegeben, ausgefallene) Form der Kultur dar, nützt aber in keiner Weise dem Fortschritt.
  8. Die Frage, ob die deutsche Kultur an der Appelstraße verteidigt wird, stellt sich nicht, denn ich kann garnichts anderes tun, als meine eigene Kultur zu erhalten und entwickeln und die ist im einen oder anderen Aspekt deutscher oder undeutscher, als bei jemand anderem. Die Frage erschöpft sich letztlich ja nicht darin, ob ich auch über die Fußballweltmeisterschaft hinaus Fahnen an meinem Auto habe, ob ich es gut finde, dass Florian Silbereisens Volksmusik Marktanteile verliert, ob ich es gut finde, dass Lena deutsche Musikexportweltmeisterin wird. Die Frage ist, ob ich es schaffe meine eigene Auffassung von Kultur von dem abzugrenzen, was alle anderen machen. Nicht, um der Abgrenzung willen, sondern um der Kulturdiversität willen. Ich habe nichts gegen Nationalstolz einzuwenden, aber der sollte sich nicht dadurch ausdrücken, dass ich acht Fahnen statt einer an's Auto mache, und Schland statt Deutschland gröhle, sondern dass ich mir was Neues einfallen lasse statt einfach Nachzumachen und zu Übertreiben.
  9. Eine weitere These lautet, dass die deutsche Kultur in Vergessenheit gerate. Das denke ich nicht. Zum einen muss man sich klar machen, dass die deutsche Kultur als status quo ohnehin nur externe Beobachter einschätzen können. Wenn man sich in ausländischen Medien umsieht bemerkt man immer wieder, dass das Bild von Deutschland in der Welt gemeinhin viel positiver ist, als das was wir von uns selbst haben. Ob das nun an einer (Achtung, ambige, weil polymorphe Verwendung des Wortes:) Kultur des Schlechtredens liegt oder der Deutsche ansich einfach immernoch viel zu wenig internationales Selbstbewusstsein aufweist ist sicher weitere zehn Thesen wert. Zur Erinnerung: Kulturlos ist einzig, wer sich nicht weiterentwickelt. Und das pawlowsche Fixieren auf eine wohldefinierte Aussenwirkung (ob auf internationaler oder persönlicher Ebene) kann sicher von Stillstand nicht unbedingt unterschieden werden. Sei die deutsche Kultur doch, von allem das Beste zusammenzufügen! Man muss nicht bis Helene Hegemann gehen um zu erkennen, dass auch Kultur (ganz ähnlich wie Wissenschaft) auf den Schultern von Riesen entsteht.
  10. (Platz für Weiterentwicklung.)
  11. [1] Anmerkung der Redaktion (also von mir): Aus zwei Gründen gibt es ab sofort erstmal keine Audiofassungen der Artikel mehr. Erstens kostet es viel mehr Zeit, eine ordentliche Audiofassung zu erstellen, als ich gedacht habe. Im Interesse der Aktualität des Blogs fallen diese also weg. Zweitens kostet es auch Transfervolumen, megabytegroße Audiofiles anzubieten. So erfreulich es ist, dass ich viele Zugriffe auf die Audiofassungen verzeichnen kann, so bedauerlich, dass ich das nicht werde bezahlen können, sollten sich Zugriffe und Artikelanzahl weiter vergrößern. In diesem Sinne ist es zielführender die Audios gleich wegzulassen, da ich hoffe, dass so insgesamt weniger Leser enttäuscht sind.

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WM 2010 – Der erste Spieltag

in Fußball , by Fabian Transchel

Audiofassung des Artikels:

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16 der insgesamt 64 WM-Spiele (48 davon in der Vorrunde) sind absolviert. Alle Mannschaften sind ins Turnier eingestiegen. Zeit für eine erste Bestandsaufnahme.

  1. Wer sich im Sommer auf Fußball auf Höchstniveau freut, der wundert sich dieser Tage, denn was die 32 Mannschaften bieten ist zum Großteil erschreckend defensiv. Die Erklärung dafür ist vielleicht darin zu sehen, dass die Spielweise von Inter Mailand dieses Jahr offensichtlich zum Erfolg geführt hat und auch im Länderkampf von den meisten Übungsleitern für ein Erfolgsrezept gehalten wird. Das mag stimmen, doch zwei unansehnliche Dinge ergeben sich daraus. Erstens, auch spielstarke Mannschaften wie Spanien, Brasilien und Argentinien haben ihr Auftaktspiel wenig attraktiv gestaltet. Zweitens: Es ist zu bemerken, dass ebenjene spielstarken Mannschaften große Probleme haben, gegen sehr tief stehende Gegner anzukommen. Man darf gespannt sein, wie sich die taktischen Ausrichtungen anpassen.
  2. Die Stimmung der Weltmeisterschaft ist sicherlich noch nicht mit der letzten bei uns vergleichbar, und hier rede ich nicht nur von der Euphorie um die deutsche Mannschaft, sondern ich meine vor allem die nicht vorhandene Athmosphäre in den Stadien. Das bedeutet, wir reden über Vuvuzelas. Es ist schier unbegreiflich, wie sich eine Kultur des Rauschens im Stadion über klassische Gesänge und Anfeuerungen durchsetzen kann. Daran sind nicht nur Südafrikaner schuld, sondern auch jene wohlhabenden WM-Touristen, die sich im Gegensatz zu echten Fans die weite Reise nach Südafrika leisten können und dann halt Vuvuzela blasen, weil man das halt tut.
  3. Die Vuvuzelas sind als nun schon als störend ausgemacht, sprechen wir über den Gastgeber, Südafrika. Noch nie ist der Ausrichter einer Weltmeisterschaft in der Vorrunde ausgeschieden. Im Moment da diese Zeilen entstehen steht es 2:0 für Uruguay im zweiten Spiel der Bafana Bafana, Südafrika ist also zum Siegen gegen Frankreich verdammt. Wie wahrscheinlich das nun ist wird man sehen, auf jeden Fall ist sicher, dass ein Ausscheiden für Südafrika und für das Turnier sehr schade wäre.
  4. Sieben Punkte verbleiben, über Gruppe A mit Südafrika haben wir schon gesprochen, also zur Gruppe B: Argentinien gewinnt glanzlos, Griechenland verliert trostlos. Während für Otto Rehhagel wohl gegen Argentinien der letzte Vorhang fällt, werden letztgenannte Südamerikaner sich steigern müssen, wenn sie gegen die lauf- und kampfstarken Südkoreaner bestehen wollen. Tipp: Argentinien und Nigeria im Viertelfinale.
  5. In England redet man - und das ist gefährlich, wie wir gleich sehen werden - nur über den Jahrhundert-Patzer des Torhüters gegen die USA. Abgesehen davon, dass es wirklich eine peinliche Aktion war kann das nicht darüber hinweg täuschen, dass England schwach gespielt hat. Auch, weil die USA wie so viele andere Mannschaften tief verteidigt haben. Für das Turnier ist es aber besser, wenn sie weiterkommen, deswegen lautet mein Tipp auch, dass sich England und die USA am Ende durchsetzen.
  6. Gruppe D wie Deutschland. Es dürfen mitspielen Ghana, Serbien, Australien. In der Reihenfolge (in der Tabelle). Ja, wir haben gegen Australien gut gespielt. Euphorie gibt's aber erst, wenn wir auch gegen Serbien gewonnen haben.
  7. Neben den Niederlanden, die immerhin sogar mal zwei Tore geschossen haben, und das haben ja bisher nicht so viele Mannschaften geschafft, sah ich in Gruppe E eigentlich die Kameruner Löwen im Viertelfinale, aber gegen Japan haben sie eine müde Partie gespielt. Für Oranje beginnt das Turnier erst im Viertelfinale, egal ob Robben dann mitspielt oder nicht. Wer hier zweiter wird, da mag ich mich noch nicht festlegen.
  8. Wir machen weiter mit enttäuschenden Favoriten. Am Montag Abend hat Italien die Gelegenheit genutzt die deutschen Wettquoten in die Höhe zu treiben. Gegen Paraguay unentschieden zu spielen ist keine Schande, aber die Art und Weise war schon extrem einfallslos. Einige sogenannten Experten hatten die Überalterung der italienischen Mannschaft ja prophezeit, dennoch wird aus meiner Sicht erst im Achtelfinale für die Squadra Azzurra schluss sein. Die Gruppe gewinnen wird wohl Paraguay, das mit der leider schwachen Slowakei und Neuseeland ohnehin keine Probleme haben wird.
  9. Gruppe G ist die berüchtigte Todesgruppe des Turniers, mit Portugal, der Elfenbeinküste und Brasilien muss mindestens einer der Turniermitfavoriten in der Vorrunde ausscheiden. Nordkorea darf mitspielen, ein Unentschieden gegen schwache Portugiesen wäre aber schon eine kleine Sensation, aber zum Weiterkommen reicht es aber natürlich nicht. Das Spiel Elfenbeinküste gegen Brasilien wird den Gruppensieg noch nicht entscheiden, aber für Brasilien, die gegen Nordkorea auch nicht eben stark aufgetreten sind wird sich zeigen, ob der sechste Titel nun machbar oder nicht.
  10. Der Sieg der Schweiz gegen die absoluten Favoriten aus Spanien ist auch in einem typischen Spiel dieser WM zustande gekommen. Die Schweiz stand tief und hat nur Nadelstiche gesetzt und sich ansonsten aufs Verteidigen verlassen. Im Gegensatz zu den siegreichen Favoriten haben es die Spanier erstaunlicherweise nicht geschafft ihre Chancen zu nutzen. Nebenbei gesagt haben sie trotzdem die spielstärkste Leistung des Turniers gezeigt. Deswegen werden sie neben den starken Schweizern auch weiterkommen. Ob es dann gegen Brasilien oder den anderen Gegner aus Gruppe G reicht, ist abzuwarten.
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Zehn Bilder aus Oxford

in Physik , by Fabian Transchel

Audiofassung des Artikels:

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Zum Abschluss einer Woche, die im Großen und Ganzen nur der Erholung von den Reisestrapazen der letzten Woche diente zeige ich zehn ausgewählte Bilder aus Oxford. Nun ja, ehrlich gesagt, zeige ich de Bilder, die mit meiner Handykamera einigermaßen was geworden sind.

1.  Die wohl größte Tafel Oxfords (und in Hannover kenne ich nichts vergleichbares) steht im Martin Wood Lecture Theater der Faculty of Physics. Drei Reihen von Tafeln die man nach oben schieben kann und die hinter der Wand wieder herunterlaufen, um sauber(!) unten wieder zum Vorschein zu kommen. Tafel im Martin Wod Lecture Theater
Periodensystem-Taxi  2.  So ein Taxi ist bestimmt drei-viermal an mir vorbeigefahren, bevor der Gedanke 'die Taxis sind aber bunt hier, endlich mal keine Eierschale' zu 'wow, das ist ein Periodensystem' sprang. Oxford hat jedenfalls die coolsten Taxis die ich kenne!
3.  Zwischen dem Konferenzort Wood Theater und dem besten Sandwhichshop Oxfords (Taylor's) liegt nur eines, die Central Oxford Cementery. Und was tut man, wenn man ein Sandwich hat, genau: man geht auf den Friedhof und lässt es sich schmecken. Das mag obskur klingen, gehört aber zur Oxforder Studienkultur dazu, schließlich ermutigen die Mülleimer ausdrücklich dazu. Oxford: St. Gill's Cementery
Tolkien-Pub Eagle & Child  4.  The Eagle & Child, jener legendärer Pub, in dem die Herren Tolkien und Lewis manch lebhafte Diskussion geführt haben muss natürlich besucht werden, wenn man schon mal da ist. Die hausgemachten Pies schmecken allerdings doch recht... englisch.
5.  Jetzt geht das Sightseeing los. In einer Seitenstraße zwischen The Eagle and Child und Taylor's Sandwiches liegt der Verwaltungssitz der altehrwürdigen Oxford University Press. Abgesehen von der Architektur sicher nicht allein die Reise wert, aber wenn man dann davor steht kommt einem die Welt doch wieder ein Stück kleiner vor, jetzt wo man weiß wo all die klugen Bücher herkommen, die man in der TiB nicht ausleihen darf... (Übrigens, die Pixelfehler auf dieser Aufnahme beweisen eindeutig, dass sie mit meiner schlechten Handykamera gemacht wurde.) Oxford University Press
Wirtschaftsgebäude der anglikanischen Kirche Jesus Christus  6.  Das Wirtschaftsgebäude der anglikanischen Kirche Jesus Christus. Auch als Physiker darf man Kirchen oder sowas ähnliches fotographieren. Nein, ich war ja nicht drin...
7.  Radcliffe Camera, eine der vielen Bibliotheken in Oxford, denen man ihre Funktion nicht ansieht. Rechts im Hintergrund das All Souls College. Damit geht es gleich weiter... Radcliffe Camera
Eingangsportal des All Souls College  8.  Zuerst folgt eine Einstellung des Eingangsportals des All Souls College. Man erahnt durch das Tor bereits...
9.  ... den englischen Rasen des Colleges, der sich sehen lassen kann. Leider sind die Colleges nur nachmittags für zwei Stunden der Öffentlichkeit geöffnet, also zu einer Zeit zu der ich noch bei QPL war, also müssen wir uns mit dieser frühabendlichen Aufnahme von draußen begnügen. All Souls College
New College Lane Bridge  10.  Mit diesen bescheidenen Eindrücken beschließen wir unseren Rundgang an der New College Lane mit der berühmten Brücke des All Souls College über ebenjene Straße. Mal sehen wohin die nächste Konferenz mich führt... ;-)