Einige von euch haben sie im letzten Monat zu Recht darüber gewundert, was für seltsame Zahlenfolgen ich in den digitalen Äther geworfen habe. Es folgt nicht nur eine Erklärung, sondern aufrichtige Bewunderung für das Konzept des virtuellen Tritts in den Allerwertesten.

  1. Was #nanowrimo bedeutet

    Die seltsame Abkürzung steht für National Novel Writing Month, also auf gut Deutsch so etwas wie Nationaler Romanschreibemonat. XKCD-Leser werden natürlich sofort an XKCD [972]: Tongue Awareness Month[extern] denken müssen und als ich zum ersten Mal davon hörte, ging es mir ähnlich. Der Titel ist unvollständig, denn natürlich ist das Event längst ein internationales geworden, ich glaube aber wie viele andere, dass NaNo einfach besser klingt als InNo.

  2. Was #nanowrimo ist

    Die Idee hinter dem albernen Namen ist, die Herausforderung anzunehmen und nicht weniger als 50.000 Wörter zwischen dem 1. November, 00:00 Uhr und dem 30. November, 23:59 zu schreiben. Was man schreibt ist vollkommen dem Autor überlassen, es besteht in der #nanowrimo-community aber der Konsenz darin, dass es sich um ein zusammenhängendes Stück Literatur, also vorzugsweise einen Roman handeln sollte. [Auch wenn es Gerüchte gibt, dass sich hin und wieder der eine oder andere an einem Epos der alten griechischen Schule versucht...] Noch mehr Informationen dazu findet man [nicht nur im November] auf den Projektseiten: What is nanowrimo?[extern]

    Ich selbst habe #nanowrimo als Anlass genommen, mein zu zwei Dritteln fertig gestellten Debüt-Roman zu Ende zu bringen - in der Rohfassung jedenfalls - 15.000 Wörter, die nach der Fertigstellung zum Sieg gefehlt haben, habe ich sofort in einen anderen, neueren und am Ende viel besseren Romananfang investiert.

  3. Was ich gewonnen habe

    Selbstachtung, eine ganze Reihe abgrundtief hässlicher Webseiten-Badges, die mich als Gewinner ausweisen und das Gefühl, dass ein Buch zu schreiben nicht unmöglich ist. [Wer also das Gefühl hat, mir auf diesem Weg folgen zu wollen ist eingeladen, meine sicherlich vollkommen sinnfreien Tipps entgegen zu nehmen...] Die Gefahr, dass ich mich der Illusion hingebe, nie mehr etwas anderes machen zu wollen, besteht natürlich nicht, weil es dafür viel zu mühsam und anstrengend war und mein Job als Physiker in der Summe ja noch viel aufregender ist.

  4. Wie es gelaufen ist

    Meine Fortschritte während des täglichen Kampfes im November sind in der folgenden Abb. 1 dargestellt.

    Abb. 1: #nanowrimo-Zeitverlaufsdiagramm

    Abb. 1: #nanowrimo-Zeitverlaufsdiagramm


    Zu erkennen ist deutlich die Weisheitszahn-OP am 1.11., sodass ich gleich am ersten Tag nur knapp 600 Wörter geschafft habe, wovon ich mich aber in der ersten Woche erholen konnte. Am zweiten und dritten Wochenende habe ich jeweils nicht so viel geschafft wie erhofft, sodass ich teilweise bis zu 3.500 Wörter hinten dran war, was ich aber durch einen großen Willensakt [;-)] am letzten Wochenende in einen 1.000-Wörter-Vorsprung umwandeln konnte, sodass ich am 30.11. mit nur 400 verbleibenden Wörtern letztlich verdient gewonnen hatte...

  5. Was ich geschrieben habe

    Eine dystopische Science-Fiction Novel in bester Gibson-Manier. Es geht um Verrat, Zeitreisen, Heldentum, Romantik, Action und natürlich nicht zuletzt darum, das Universum vor all den bösen Mächten, die dem Helden Steine in den Weg legen, zu retten. Insgesamt hat der jetzige Entwurf über 90.000 Wörter, wovon 35.000 durch #nanowrimo dazu gekommen sind, der November war also meine Art, mich durch das spannende, aber eben auch schwierig zu schreibende letzte Drittel zu quälen. Ausgesuchte Tester werden Ende Dezember die Bitte um ehrliche, umfangreiche Kritik im virtuellen Postkasten finden und irgendwann nächstes Jahr werde ich mich entweder auf die Suche nach einem Verlag machen oder eine der diversen, im Moment für mich unüberblickbaren, eBook-Plattformen nutzen.

  6. Was ich gelernt habe

    Plakativ müsste ich jetzt so etwas wie 'Yes, you can' hin. Ich habe ja bereits in früheren Artikeln über die fesselnde Kraft der Herausforderung geschrieben und genau so habe ich mich während #nanowrimo auch gefühlt. 50.000 Wörter ist echt viel, ein halber Roman, wenn man so will. Am Anfang ist man mit der schieren Menge dessen, was vor einem liegt etwas unbedarft, man hat ja noch 29 Tage Zeit. In der Mitte dann kommen die großen Zweifel, wenn man wieder einmal 3-4 tausend Wörter hinten liegt. Und zum Schluss ist es nicht schwer sich anzutreiben, weil man sich sagt, dass es eine Schande wäre, bis 47.000 gekommen zu sein und nicht fertig wird. Tatsächlich gelernt habe ich in dem Sinne aber tatsächlich vor allem, unreflektiert Literatur in ihrem Grundzustand [nämlich schlecht] zu produzieren. Dass ein so großes Projekt noch einiges an Politur verschlingt ist aber ohnehin klar. Wirklich wichtig war mir persönlich aber auch vor allem der Beweis, dass ich etwas so Großes beenden kann.

  7. Was ich nicht gelernt habe

    Zwar behaupte ich einen Absatz weiter oben, sozusagen mit Scheuklappen und ohne aktive Autokorrektur geschrieben zu haben, aber natürlich stimmt das nicht ganz. Für den überwiegenden Teil der Reise hatte ich einen festen, relativ starren Plan vor Augen, was, wann, wo und wie passieren sollte. Das war schon für sich eine große Herausforderung. Wie man jedoch ohne Plan 50.000 Wörter, die hinterher einen zusammenhängenden Plot ergeben sollen, produzieren sollte, ist mir rätselhaft und erfüllt mich mit großer Erfurcht vor denjenigen #nano-Teilnehmern, die am 31. Oktober noch nicht wissen, was sie schreiben werden. Vielleicht habe ich also ein bisschen geschummelt, vielleicht habe ich auch einfach Glück gehabt. Ob's die Mühe wert war ist mit lediglich einer Woche Abstand ohnehin nicht entscheidbar.

  8. Ob ich nächstes Jahr wieder mitmache

    Bei allem Lob über das Konzept und das Ergebnis - wenn man gewonnen hat, neigt man sicherlich dazu, die negativen Aspekte ein wenig zu verdrängen - #nanowrimo bedeutet große Freizeiteinschränkung, psychische Belastung, [wenn man sich für diese letzten vierhundert Wörter um halb Zwölf Uhr abends zwingen muss, weiter konzentriert zu bleiben...] und nicht wenige Moment, wo man ganz dringend etwas zerstören oder wenigstens demolieren möchte. Die Erfahrung auch damit fertig zu werden sind wertvoll, aber vielleicht nicht so wertvoll, dass man es regelmäßig machen muss, außerdem sieht es ja im Job meistens auch nicht anders aus. So wie ich mich kenne habe ich nächsten Oktober vergessen, was #nanowrimo überhaupt ist, sehe fasziniert auf der Website nach und nehme die Herausforderung an...

  9. Was für Schlussfolgerungen ich daraus ziehe

    Unmittelbar bemerke ich zwei Dinge. Erstens, dreißig Tage lang mehr oder weniger gezwungen zu sein, 1667 Wörter zu schreiben führt unmittelbar dazu, dass diese Gewohnheit erhalten und gepflegt werden will, wie es andere nervige Gewohnheiten auch tun. Da der fertig "gedraftete" Roman für mich vier Wochen lang nicht anzufassen ist, um den für das Editieren nötigen Abstand zu gewinnen, werde ich also etwas anderes schreiben. Entweder den als Lückenfüller für die letzten 15.000 Wörter begonnenen Roman weiter führen, oder etwas ganz anderes machen. Während ich nicht eben ungeduldig bin, im bisherigen Tempo von 1667 Wörter/Tag weiterzumachen, schwebt mir vor, einzugestehen, dass ZehnDinge in seinem Konzept doch etwas zu eingeschränkt ist und ich etwas freier in Form und Inhalt sein möchte. Da her werde ich im Dezember dieses Weblog umgestalten. Vielleicht bleibt der eine oder andere Leser ja, vielleicht finden sich auch neue. [Sicher ist aber zumindest, dass diejenigen, die euch in den anderen Kommentaren, die ich immer lösche, Schwanzverlängerungen und griechische Staatsanleihen verkaufen wollen, bleiben werden...]

  10. Was für Schlussfolgerungen ihr daraus ziehen könnt

    Mal ehrlich... wenn ich einen Roman schreiben kann, dann kann das jeder. Auch wenn diese Aussage natürlich vollkommen unbesehen der Qualität geschieht, darf man das doch als Herausforderung verstehen. Oder, anders formuliert: Wer macht nächstes Jahr mit und schlägt mich? :-)

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