"Wir haben eine Hexe gefunden. Dürfen wir sie verbrennen?"

Wem dieser Satz bekannt vorkommt und weiß, dass Christian W. sicher mehr als eine kalte Ente wiegt, dem dürfte schon länger klar sein, dass niemand kokeln wird, nur weil die deutschen Qualitätsmedien es so wollen.

Hier soll es nicht darum gehen, ob Christian W. Hexenkräfte besitzt [also Kredite/Finanzprodukte/Zahnpasta/Enten billiger kriegt], weil das zur Genüge erledigt ist und jeder sich ein Bild davon machen konnte [und zwar ob er wollte oder nicht]. Nein, hier geht es allein darum, wie die deutsche Medienlandschaft dabei versagt hat, ihn auf den Scheiterhaufen zu hieven.

Da wäre zunächst die BILD-Zeitung, die in einem Akt willentlicher Auflehnung gegen die eigenen Ideale investigativ gegen einen Politiker tätig geworden ist, der sie Jahr und Tag treu mit Geschichten und Geschichtchen versorgt hatte. Nun kann man reflexhaft mit Mathias' Döpfners Dogma "Wer mit der Bild im Aufzug nach oben fährt, fährt mit ihr auch wieder nach unten." antworten, oder aber man beleuchtet die Situation etwas reflektierter.
Tatsächlich ist es höchst ungewöhnlich, dass BILD von sich aus investigativ tätig wird. Wie Ex-BILD-Chef Udo-Röbel im taz-Interview [extern] treffend feststellt, beobachten wir hier einen Paradigmenwechsel, der auf fallende Auflagen und die unbestreitbare Tatsache, dass das Internet in BILDs Kerngeschäft, dem Boulevard, mithin letztlich deutlich boulevardeskere Züge annimmt, als das alte Printmedium.

Mit "das Internet" meine ich im obigen Absatz die Gesamtheit der Blogs und vermeintlich klassischen Medien, die längst auch wissen, dass Exklusivität und Geschwindigkeit in einer Zeit, in der sogenannte Promis ihre Nacktphotos selbst längst twittern, statt sich von Paparazzo schießen zu lassen, nichts bis überhaupt nichts mehr wert ist. Spiegel Online & co. sprangen dankbar auf den Bild-Zug auf und wollten allesamt beweisen, dass auch sie Dreck auf der Serviette des Bundespräsidenten machen finden können, gewissermaßen um zu beweisen, dass sie noch immer besseren Journalismus als Bild abliefern können. Trarig daran: bewiesen haben sie letztlich nur, dass sie ebenso guten Boulevard machen können.

Diese Vermischung von "Kompetenzen", Ausrichtungen und Zielvorgaben macht es zunehmend schwerer, die deutsche Medienlandschaft zu differenzieren. Das führte in der Causa W. vor allem dazu, dass, selbst von Orientierungslosigkeit heimgesucht, wie italienische Kapitäne auf dem leckgeschlagenen Mittschiff panisch umherschreibend, selbst die eher konservativ protégierten Medien [z.b. Focus, SZ] sprangen reflexhaft den anderen hexenjägern bei, eifrig Dreck herbeikarrend, auf dem man ihn betten wollte. Man kann darüber streiten, ob dieses ungeschickte, ja unjournalistische Verhalten allein dem wachsenden Einfluss des Internets und seiner malefiziös über der [Print-]Branche kreisenden Drohung der Auflagentotschrumpfung zu verdanken ist, oder ob der Journalismus sich hier, wie schon Ansatzweise beim Freiherrn von und zu G. zu beobachten einfach selbst in Abseits treibt. War bei zu G. noch das Internet die treibende Kraft, so kehrten sich hier erstmals die Vorzeichen um, sodass es keineswegs unironisch wirkt, dass sich die Wikia-Plattform WulffPlag gegründet hat, nicht mit dem Ziel, die Hexe als solche zu überführen und ihrem rechtmäßigen Platz am Feuer zu zu führen, sondern, aufgepasst, zu prüfen, welche der multimedialen Anschuldigungen überhaupt zutreffen und Wirkungstreffer sind und welche mehr oder minder selbst von einem souveränen Bundespräsidenten Weggelächelt werden dürften. Vorläufiges Ergebnis: die meisten davon.

Über die Würde des Amtes wurde viel gesprochen dieser Tage und angesichts der Causa W. scheint mir angebracht, auch darüber kurz zu filett... äh, philosophieren. Zwar waren "früher" Politiker ganz sicher auch nicht ohne Furcht und Tadel, so ist es doch heute signifikant undankbarer geworden, sich politisch zu äußern und engagieren, da der Anspruch, die Denker und Lenker dieses Landes mögen ohne [menschliche] Makel sein, ganz und gar überzogen scheint angesichts der Hebel, derer sich die Medien bedienen, um noch so winzige Gegenbeweise auf zu bringen. Keine Frage, dass Christian W. grobe Fehler gemacht hat, politisch wie menschlich, aber, so leid es mir für den Boulevard tut, eine Hexe ist er deswegen nicht. Das Gegenteil ist der Fall: Hexenjagden sind gerade nicht wie Rudern im Treibsand - je mehr die Medien umrühren, desto weniger glaubwürdig werden sie - während die Hexe nur ein ganz klein wenig zaubern muss, um dem Schlamassel, zumindest einmal, zu entkommen.

Wir müssen uns natürlich trotzdem die Frage stellen, ob Christian W. ein guter Bundespräsident ist [auch wenn das eigentlich vorher klar war], aber die Antwort kann an der Stelle nicht sein, dass, wer einen günstigen Kredit annimmt, automatisch ein schlechter Mensch ist. Nein, die Regierungsmannschaft, die im Gegensatz zum Bundespräsidenten wirklich Schaden anrichtet, muss sich keiner solchen Vorwürfe erwehren, obwohl es mehr als angemessen wäre, zu fragen, wer da Dreck am Revert kleben hat. Aber vielleicht kann die BILD ja auch da in Zukunft für die eine oder andere Sternstunde des fokussierten Journalismus sorgen und Angela M. den Spiegel vorhalten...

In diesem Sinne begrüße ich BILD in der illustren Runde der journalistischen Spitzenkräfte des Landes! ...äh?

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