W

Über die Hexenjagd des Christian W. – Eine Nachbetrachtung

in Gesellschaftskritik, Politik , by Fabian Transchel


"Wir haben eine Hexe gefunden. Dürfen wir sie verbrennen?"

Wem dieser Satz bekannt vorkommt und weiß, dass Christian W. sicher mehr als eine kalte Ente wiegt, dem dürfte schon länger klar sein, dass niemand kokeln wird, nur weil die deutschen Qualitätsmedien es so wollen.

Hier soll es nicht darum gehen, ob Christian W. Hexenkräfte besitzt [also Kredite/Finanzprodukte/Zahnpasta/Enten billiger kriegt], weil das zur Genüge erledigt ist und jeder sich ein Bild davon machen konnte [und zwar ob er wollte oder nicht]. Nein, hier geht es allein darum, wie die deutsche Medienlandschaft dabei versagt hat, ihn auf den Scheiterhaufen zu hieven.

Weiterlesen: “Über die Hexenjagd des Christian W. – Eine Nachbetrachtung” »

Tagged with:  
W

Dunkelheit, alte Keule…

Ich sitze seit zehn Minuten im Dunkeln. Böse könnte man bemerken, dass Berichte über Stromausfälle in den letzten Tagen und Wochen wieder häufiger werden. Ob wirklich die fehlenden Netzkapazitäten durch den überhasteten Atomausstieg unserer allwissenden Bundesregierung die Ursache sind, die die Atom-, Verzeihung, Energiekonzerne stets bemängeln, ist nicht herauszufinden, denn natürlich fällt mit dem Strom auch so viel anderes aus, was unsere Hochzeit an Zivilisationserrungenschaften ausmacht. Zeit, innezuhalten...

Weiterlesen: “Dunkelheit, alte Keule…” »

 
W

Zehn Dinge über Big Bang Theory

in Gesellschaftskritik, Philosophisches, Physik , by Fabian Transchel

Als ich mit der Arbeit an diesem Artikel begann freute ich mich auf eine genüssliche, boshafte Abrechnung mit amerikanischen Stereotypen von Physikern. Ich neige gewöhnlich nicht zu Vorurteilen, zumindest maße ich mir diese Vermutung an. Doch es begibt sich, dass ich genau bei Big Bang Theory aus der Rezeption der ersten Folge viel zu viele Schlüsse gezogen habe. [Auch das war mir nicht klar, als ich mit dem Artikel begann, siehe oben.] Tatsächlich habe ich Vorsorge getroffen und um mich vor mir selbst vor dem Vorwurf der Befangenheit zu rechtfertigen schließlich die ganze erste Staffel geschaut. [Nein, ich hab sie ausgeliehen, nicht gestreamt. Also wirklich!] Hat das meine Meinung über Big Bang Theory geändert? Nein, nicht wirklich. Zu meiner eigenen Überraschung hat es meine Meinung über mich geändert.

Weiterlesen: “Zehn Dinge über Big Bang Theory” »

 
W

Zehn Dinge über kino.to

in Gesellschaftskritik , by Fabian Transchel
  1. Was war kino.to und warum der ganze Aufruhr?

    kino.to war eine Internetplattform, die Links zu Streamingangeboten von aktuellen und älteren Kinofilmen, Fernsehserien und Dokumentationen gesammelt und sortiert hat. In der FAQ von kino.to wurde sehr bedacht darauf hingeweisen, dass auf der Seite selbst keine Filmdaten gespeichert sind, sondern nur verlinkt werden. kino.to vertrat die Ansicht, dass die Hoster dafür Sorge zu tragen haben, dass sie keine illegalen Filme auf ihren Servern liegen haben. Insbesondere war die Ansicht, dass das Ansehen von solchen Streams legal sei, mehr dazu später.

    Am 8.6.2011 wurden in einer großangelegten Razzia der Staatsanwaltschaft Dresden mehrer Personen festgenommen und Server abgeschaltet. Der Vorwurf lautet auf erwerbsmäßige Umgehung und Beihilfe zur Umgehung des Urheberrechts. Mit anderen Worten, und das wird den meisten Usern von kino.to trotz der expliziten Werbung nicht klar gewesen sein, den Betreibern ging es darum, massiv Geld zu verdienen. Zum einen durch Werbung auf der Seite selbst, zum anderen durch Provisionen für sogenannte Premium-Zugänge von Streaming-Hostern, die schnellere Downloads versprachen. Eine weitere Vermutung die im Raum steht ist, dass das Netzwerk von kino.to und den Hostern derart verzahnt war, dass einige Hoster nur Scheinfirmen waren, die ausschließlich für kino.to gearbeitet haben.

  2. Welche Bedeutung hatte kino.to in der deutschen Internetlandschaft?

    Man hört je nach Quelle unterschiedliche Zahlen. Wikipedia zum Beispiel gibt hier [extern] 400.000 Besucher pro Tag an, diesem Artikel auf Netzfeuilleton [extern] aber kann man entnehmen, dass es eher eine Million gewesen sein dürften. In jedem Fall bedeutet das, dass kino.to eine der reichweitenstärksten deutschen Websites war, was umgekehrt bedeutet, dass die Werbung dort einträglich war.

    Ein weiterer Aspekt dieser Numerik aber ist dabei noch unerwähnt: Nehmen wir einmal an, dass die Schätzungen eher zu niedrig angesetzt sind. (Immerhin handelt es sich um Schätzungen, da die Betreiber natürlich keine offiziellen Zahlen veröffentlicht haben und Suchmaschinenstatistiken Besucher, die über Bookmarks zurückkehren nicht mitzählen können.) Dann bedeuten eine Million Besucher täglich einen Gesamtstamm von Besuchern, der bis zu zehn Millionen betragen könnte. Zieht man von der Gesamtbevölkerung diejenigen ab, die kino.to nicht nutzen können, weil sie zu alt oder zu jung, nicht technikaffin oder zu ehrlich sind, müssen wir uns klar machen, dass davon auszugehen ist, dass ein Großteil der Generation Internet, also der für die Filmindustrie relevanten Zielgruppe von 14 bis sagen wir mal 30, kino.to regelmäßig oder gelegentlich genutzt hat. (Auf Facebook oder Twitter sprechen die Reaktionen in ihrer Intensität aus meiner Sicht für diese Größenschätzung.)

    Eine ganze Generation benutzt illegale Streamingseiten, wer hätte das gedacht. Bevor ich mir über soziologische Auswirkungen und Schlussfolgerungen Gedanken mache möchte ich aber kurz auf den aktuellen Stand der Dinge eingehen.

  3. Warum wurde kino.to geschlossen?

    Als Rechtslaie gehe ich nach wie vor davon aus, dass gegen das Verlinken von Streamingdiensten, die illegale Inhalte anbieten nur die Mitstörerhaftung zur Rate gezogen werden kann, die aber für den Normalbenutzer im Bereich der Nichtigkeit liegen dürfte, es sei denn, dass, so wie im vorliegenden Fall, das ganze zum Ziel der erwerbsmäßigen Bereicherung vorgenommen wird. Es ist zu lesen, dass die Ermittlungen sich lange hingezogen haben, und zwar aus mehreren Gründen: Erstens, die Ermittlungen wurden keineswegs die ganze Zeit von der Staatsanwaltschaft geführt, sondern von der GVU, der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen, eine Lobbyorganisation der Filmindustrie. Zweitens, der Vorwurf der Erwerbsmäßigkeit musste belegt werden und drittens, die Betreiber von kino.to müssen identifiziert werden. Nun kann man über die Privatisierung von Strafermittlungen geteilter Meinung sein (ich bin es jedenfalls), aber es sollte deutlich geworden sein, dass Leute, die gezielt Server und Provider wechseln und unter falschen Namen operieren weder leicht zu finden sind, noch, dass es ihnen leicht fallen wird vor Gericht zu verdeutlichen, warum sie, wenn sie denn keine erwerbsmäßigen Absichten verfolgt haben, derartig mafiöse Verschleierungen verwendet haben.

    Die Medienkonzerne und (zu einem eher kleinen Teil) auch die Künstler verdienen nichts daran, dass Menschen Filme umsonst sehen. Es ist völlig verständlich, dass sie ein Interesse daran haben, dass für jede Nutzung ihrer Inhalte eine engemessene Gebühr entrichtet wird. Bevor ich diskutiere welche Rolle die Filmindustrie hierbei im Einzelnen spielt kann ich aber hier schon festhalten, dass die Strafverfolgungsbehörden ohne die Vorarbeit der GVU wohl kaum willens oder in der Lage gewesen wären, kino.to so wie jetzt geschehen auseinander zu nehmen.

  4. Welche Strafen drohen den Betreibern?

    Sollte sich der Vorwurf erhärten, dass hier Millionenumsätze mit Werbung und Premiumzugängen zu Streamhostern verdient wurden, so dürften die strafrechtlichen Schadensersatzforderungen in die Millionen gehen, ebenso wie die zivilen Schadensersatzforderungen der Filmindustrie, die allerdings in Deutschland weit gesitteter ausfallen, als beispielsweise in den USA.

    Was die Mitstörerhaftung angeht, also den Bereich, der das Setzen von Links auf illegale Streams betrifft, scheint im Moment die Rechtslage alles andere als klar. In jedem Fall kommt hier auf die Provider als Platformbereitsteller und die Uploader als Urheberrechtsverletzer die größeren Forderungen zu. Die Uploader haben aus meiner Sicht vermutlich nichts zu befürchten, da es sowohl technisch als auch logistisch unmöglich scheint sie in großen Stil zu identifizieren und ihnen die einzelnen Verstöße tatsächlich nachzuweisen.

  5. Welche Strafen drohen den Nutzern?

    Vermutlich keine. Wie dieses Video der Medienkanzlei Solmecke [extern] auf golem.de [extern] deutlich erläutert, ist aus zwei Gründen damit zu rechnen, dass es hier keine Konsequenzen geben wird. Erstens, weil die Streamer nicht zu ermitteln sind, zweitens, weil rechtlich überhaupt nicht klar ist, ob das bloße Anschauen von geschützen Werken einen Urheberrechtsverstoß darstellt oder nicht.

  6. Welche Ziele verfolgt die Medienindustrie?

    Zunächst einmal ist ihr natürlich daran gelegen, ihre Urheber- und Verwertungsrechte zu schützen. Die Zahlen wurden eingangs schon genannt, Schadensersatzforderungen dürften sich sogar insgesamt im dreistelligen Millionenbereich bewegen. Das ist aber natürlich nur die halbe Wahrheit. Richtig ist, dass die klassischen Vertriebswege der Unterhaltungsindustrie durch die beliebige Kopierbarkeit von digitalen Daten unter Druck geraten sind, das weiß die Musikbranche schon seit Napster, und dass mit der Vergrößerung der Bandbreite und dem Aufkommen von bezahlbaren Heimkinosystemen auch bewegte Bilder im Internet kopiert würden war allen Beteiligten seit Jahren klar. Dennoch hat die Industrie daran festgehalten die alten Kanäle zu befahren und statt der Erforschung von neuen Verbreitungsformen vor allem auf Verbote, Schauprozesse und lobbyistisch auf Verschärfungen des Urheberrechts gedrängt. Die Filmindustrie wollte schon bei der Einführung der Videokassette lieber pay-per-view durchsetzen, denn mit einer gekauften DVD lässt sich kein Umsatz mehr generieren. Die Zeiten, da man zwei- oder gar dreimal den selben Film im Kino sehen wollte sind aber aus ganz verschiedenen Gründen, von denen das Internet nur ein unbedeutender ist, längst vorbei.

  7. Warum war kino.to so erfolgreich?

    Weil es wie angedeutet eine Verbreitungsform geschaffen hat, die für die junge Generation angemessen, bequem und attraktiv ist. Es steht außer Frage, dass kein schlechter Internetstream einen Kinobesuch ersetzen kann, aber die permanente, ggf. auch mobile Verfügbarkeit von allen digitalen Informationen macht auch vor Filmen und Serien nicht halt. Es ist schlicht so, dass kino.to einen Bedarf gedeckt hat, nämlich den nach flexibel verfügbaren Medieninhalten. Ich glaube nicht, dass es den meisten Usern nur um den Umsonst-Gedanken ging, sondern dass vielmehr die Verfügbarkeit die entscheidende Rolle spielt, warum man sich von Fernsehen und Kauf-DVDs abwendet. Es ist in Deutschland tatsächlich so, dass es kein vergleichbares kommerzielles Angebot gäbe. Richtig ist, dass Internetprovider auf der einen und Medienrechteinhaber auf der anderen Seite Versuche unternommen haben, Streaming- oder gar Download-Angebote zu etablieren, die aber alle am Preis und der fundamentalen Fragmentierung des Medienmarktes krankten. kino.to zeigt, dass man ein solches Angebot umsetzen kann, wenn man eben gerade davon absieht, utopische Lizenzgebühren für jedes Abspielen eines Inhaltes zu fordern. Dazu gehört allerdings auch, dass Kinofilme nicht erst ein halbes Jahr nach Verkaufsstart der DVD-Fassung online verfügbar sind, sondern sofort - siehe Verfügbarkeit. Es ist heute für viele Menschen nicht mehr versätndlich, wieso die klassischen Vertriebskanäle derart unnötig subventioniert werden. In der Tat halte ich es für möglich, dass der Großteil der "Schwarzstreamer" ein solches Angebot kostenpflichtig (dann aber natürlich in HD-Qualität und ohne Porno-Werbung) zu akzeptablen Konditionen in Erwägung ziehen würde - ich zumindest würde eine Movie-Flatrate für 10-15€ im Monat okay finden - dass es immernoch Systemficker gibt, die auf keinen Fall für harte Arbeit anderer Leute zahlen wollen steht außer Frage. Aber gegen die kann die Unterhaltungsindustrie ohnehin nichts unternehmen, dieses Hintergrundrauschen ist ein kleiner, übrigens unverzichtbarer, Teil der pluralistischen Gesellschaft.

  8. Was kann man tun, um zu verhindern, dass einfach andere Seiten von dieser Art entstehen?

    Nichts, es gibt sie und wird sie auch weiterhin geben. Weder der Staat noch die Medienkonzerne haben die Ressourcen, den Einfallsreichtum von Millionen Nutzern dauerhaft zu schlagen. Im Gegenteil - sie werden aus dem Fall kino.to lernen und künftige Angebote werden resistenter gegen Abschaltversuche sein. Die einzige Möglichkeit, dem entgegenzutreten ist es, vernünftige, der neuen Generation und ihrer Bedürfnisse angemessene Verwerungsmodelle zu schaffen - jetzt!

  9. Welche Lehren sind zu ziehen?

    Die Unterhaltungsindustrie sollte mal bei der Musik schauen, die sind nach dem Napster-Kapf schon zwei Schritte weiter. Heute gibt es allerorten DRM-freie MP3s herunterzuladen, zu akzeptablen Preisen. Vor allem iTunes ist ein Beispiel dafür, wie angemessene Musikpreise erheblich übertriebenen Filmpreisen gegenüberstehen.

    kino.to hat das Potential eine gesellschaftliche Diskussion loszutreten, die mit der über Napster Anfang des Jahrtausends vergleichbar ist. Das Urheberrecht auf der einen und die Abspielrechtverteilungskonzepte müssen weiterentwickelt werden um mit der Generation Internet Schritt zu halten.

  10. "Ich verstehe die Aufregung nicht und möchte einfach weiter gestreamte Medien gucken. Wo finde ich denn nun andere Angebote wie kino.to?"

    Überleg' mal ernsthaft zwei Dinge: Erstens, wie hast du denn kino.to gefunden? Zweitens: Du hast bis hier unten gelesen und ich habe deine Reflexionsschwelle trotzdem nicht überschreiten können? Chapeau, du scheint echt lernresistent zu sein!

    (Diese kleine Polemik soll einfach nur zeigen, dass es keinen Weg mehr zurück gibt. Streamingangebote sind das, was der mündige, internetaffine Medienkonsument will. Vielleicht zahlt er dann irgendwann sogar dafür, so wie er auch für gute Musik bezahlt.)

 
W

2,5 Zehntel: SPD als Juniorpartner, nein Danke?

in Gesellschaftskritik, Politik , by Fabian Transchel

In den Leitartikeln der klassischen Medien werden sie schreiben, dass die Grünen von nun an als gleichwertiger Partner der SPD gelten werden, denn sie haben mit ihren voraussichtlich 25% nicht nur ihren ersten Ministerpräsidentenposten gewonnen, sondern das auch noch in Baden-Württemberg, wo die SPD noch niemals selbst an der Macht war. Zwei Dinge möchte ich untersuchen: erstens, ist es wirklich so, dass nur die Atomkatastrophe in Fukushima der Auslöser für diese Wahlergebisse ist und zweitens bedeutet diese Zäsur für die deutsche Politik im Allgemeinen und die Grünen selbst im Besonderen bedeutet.

Zunächst kann nicht abgestritten werden, dass Fukushima einen Einfluss auf die Wahlen in Rheinland-Pfalz und eben Baden-Württemberg hatte. Die tragischen und beunruhigenden Ereignisse in Japan - von Erdbeben und Tsunami spricht bei uns bedauerlicherweise kaum noch jemand - haben vor allem eines bewirkt, einen uneingeschränkten und in der politischen Landschaft beispiellosen Glaubwürdigkeitsschub für die Grünen, deren Parteispitze gut daran tut, nicht mit erhobenem Zeigefinger zu sagen sie hätten es ja schon immer gewusst. Dem deutschen Volk ist nicht nur klar geworden, dass die Grünen seit jeher richtig damit lagen die Atomkraft abzulehnen, sondern auch, dass die Vehemenz und Persistenz, mit der sie auch in den letzten Jahren wieder und wieder unermüdlich Castor-Transporte anzubellen und zu bestreiken keineswegs affektiertes, veraltetes alternativkämpferisches Getöse waren, sondern aufrichtig vorgetragene Entschlossenheit, die eigene Sache zu vertreten. Gerade diese Geradlinigkeit kann (und muss) auf andere Themenfelder gelenkt werden, denn in einer gestaltenden (und in einer Koalition dominierenden) Regierungsverantwortung muss man sich letztlich an Taten messen lassen. Es ist ihnen zu wünschen, dass diese Erkenntnis gelingt und umgesetzt werden kann. Gerade in der konstruktiven Weiterentwicklung von Stuttgart 21 liegt hier die Chance genau dies nachzuweisen.

Tatsächlich sehe ich das Hauptproblem für die Profilierung der Grünen als Regierungspartei (im Gegensatz zum stereotypen Bild des alternativ-naiven Juniorpartners) im Verhalten der SPD. Wir haben in letzter Zeit immer wieder beobachten können, dass die Genossen die Grünen weiterhin so zu behandeln suchen, als wären noch immer zwanzig Prozent Wählerstimmen zwischen den Ergebnissen der Parteien. Und in der Tat ist die Aussicht, von den Grünen auf lange Sicht gänzlich überholt zu werden ohne Zweifel schmerzlich. Es gibt daher für die Sozialdemokratie zwei Möglichkeiten mit der Situation in BW (und mit zukünftigen Situationen in anderen Ländern und eventuell sogar im Bund) umzugehen: Man kann versuchen mit den Grünen auf Augenhöhe umzugehen um so etwas wie Waffengleichiet zu erreichen. In dieser Option liegen aber auch zwei unbequeme Folgerungen, nämlich dass erstens die SPD permanent die Grünen als gleichwertig anerkennt und somit dem Wähler erst klarmacht, dass es für die politischen Ziele keinen Unterschied macht, welche Partei er wählt. Zweitens muss man zwingend ein differenzierteres Parteiprogramm an den Stellen anstrengen, wo die Grünen einfach die bessere Politik machen. Sicher ist es richtig, den Atomausstieg zu befürworten, aber sich nur hinzustellen und zu sagen "wir waren ja auch immer dagegen" reicht nicht. Aus diesen Gründen befürchte ich, dass mancher Genosse versuchen könnte die Grünen an sich und diejenigen mit Regierungsvorsitz speziell insgeheim zu diskreditieren um klarzustellen, wer der Juniorpartner ist. Dieses Verhalten wird sich aber langfristig weder durchhalten lassen, noch als nützlich erweisen, will man in zwei Jahren zusammen mit den Grünen in welcher Konstellation auch immer wieder den Bund erobern.

Das Wahlergebnis in Baden-Württemberg ist viel noch viel historischer, als es jetzt ohnehin schon angespriesen wird. Wir erleben nicht nur die Matura der Grünen, sondern auch die Altersteilzeit der Sozialdemokratie. Deutschland braucht Rot-Grün und Grün-Rot, sonst wird es bald womöglich auch mal alleine Grün geben. Sicher, diese Prognose ist noch weit weg, aber klar ist auch, dass die Perspektive des linken Spektrums in Deutschland nicht am Abschneiden der Grünen hängt, die ihre Anteile mit 25% mehr als ausgeschöpft haben. Die SPD muss sich davon absetzen, wenn sie auf Dauer bestehen will, und zwar nicht auf Kosten der Grünen, sondern, so weh es tut, ergänzend.

Ein letzter Punkt ist die Frage, wie es nach dem jetzt wieder greifbar scheinenden Atomausstieg weitergehen kann. Schon Ende der Neunziger, als Rot-Grün den Atomausstieg auf den Weg gebracht hatte hörte man stimmen die den politischen Untergang der Grünen prognostizieren wollten, weil sie deren Ziele erreicht sahen. (Vielleicht haben sie sich auch nur gewünscht, dass die Grünen selbst ihre Ziele als erreicht ansehen würden um sie aus der Politik zurückzuziehen...) Tatsache ist aber, dass die Projektpartei der 80er Jahre längst klargestellt hat, dass die Kernziele grüner Politik wie soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche und ökologische Nachhaltigkeit in einer entwickelnden Demokratie dauernder Überprüfung, Neujustierung und Erinnerung bedürfen. Fukushima hat auch Deutschland daran erinnert, dass Sorglosigkeit unsere Errungenschaften hinwegfegen wird, wenn wir uns nicht immer wieder hinterfragen. Und die Grüne Idee wird auch heute viel zu oft wieder auf den Altaren von vordergründigem Gewinn und Fortschritt geopfert. Wenn nur die Hälfte der 25% der grünen Wähler in Baden-Württemberg das auch verstanden hat kann diesem Land die grüne Idee wieder erblühen.