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Ein Zehntel: Über Handy-Kinder

Eines der großen ungelösten Geheimnisse öffentlicher Verkehrsmittel erfuhr letzten Donnerstag zu meiner großen Überraschung eine ziemlich unerwartete Auflösung, die existenz nerviger Handy-Kinder.

Es begab sich, dass ich in der U-Bahnlinie 6 zur Kopernikusstraße saß, da zwei "Checker" in ordnungsgemäßer Proll-Montur am Steintor die Bahn betraten, sich in ihren viel zu weiten viel zu speckigen "Trainings-Hosen" in die braunen Sitzschalen flezten, da nur wenige Sekunden später betörend lauter HipHop-Lärm unsere Ohren verzückte. Und hier die Überraschung: Das ganze war nicht etwa Absicht, denn Checker 1 fragte Checker 2 unmittelbar: "Ey, weissu wie man de Scheißwecker ausmacht? Das geht schon die ganze Tag so, ich krieg des nisch weg, man!"

Die Moral der Geschichte liegt auf der Hand! Fühlt euch nicht von Handy-Gekreische gestört, denn die Verursacher sind schlichtweg techno-Invaliden und machen das garnicht mit Absicht! Schreib sie nicht ab, erklär ihnen Bedienung und Handling!

ps: Dass Checker 1 Checker 2 Kevin nannte, habe ich bewusst unterschlagen, um plumper Stigmatisierung des Namens vorzubeugen. Ich gebe zu, dass dies womöglich der Teil der Geschichte ist, wo es dann doch unglaubwürdig wird, aber es ist so passiert. Ich schwör': Stratacca, Stratacca!

In eigener Sache: Dieser Artikel markiert den Beginn eines Subgenres in ZehnDinge: Zehntel. Mit der Zeit ist mir aufgefallen, dass zwar bedeutsame Themen eine Behandlung in ZehnDingen erlauben und verdienen, aber die kleinen Humoritäten des Alltags, die nach meinem Gefühl unbedingt ein Teil des Blogs sein sollten, weil sie ohne Frage ein Teil von mir sind, gehen dadurch verloren, dass eine deziquantisierung sie ganz und gar unhumorig zerstückeln würde. Ziel der Zehntel ist, große Artikel durch kleine Anmerkungen zwischendurch aufzuwerten, ohne, dass das dazu führt, dass es nur noch Zehntel gäbe ^^ Daher: Nach maximal zehn Zehnteln folgt ein ordentlicher ZehnDinge-Artikel.

 
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Zehn Gedanken zu Wikileaks

in Gesellschaftskritik, Philosophisches, Politik , by Fabian Transchel

Dies ist die unvermeidliche Auseinandersetzung mit der aktuellen medialen Aufmerksamkeit rund um die Frage, wann und wie die Organisation Wikileaks als geheim eingestufte Informationen von Staaten oder überstaatlichen Organisationen veröffentlichen darf und "soll" und inwiefern Einzelpersonen dafür belangt werden sollen.

  1. Was ist überhaupt Wikileaks? Wikileaks selbst bezeichnet sich als

    [...] a non-profit media organization dedicated to bringing important news and information to the public. We provide an innovative, secure and anonymous way for independent sources around the world to leak information to our journalists. We publish material of ethical, political and historical significance while keeping the identity of our sources anonymous, thus providing a universal way for the revealing of suppressed and censored injustices.

    also als eine nicht-kommerzielle Organisation deren Aufgabe es ist, geheime oder durch Zensur bedingt unter Verschluss gehaltene Informationen, die ethisch, politisch oder historisch von öffentlichem Interesse sind, zu veröffentlichen, und zwar derart, dass die Identität der Quellen geschützt bleibt. Mit anderen Worten, Wikileaks publiziert systematisch Geheimdokumente, ohne ihre Quellen zu nennen.

    Das Ziel dieser Zusammenfassung ist es, eine Bewertung der Aktivitäten von Wikileaks vorzunehmen in Hinsicht auf die ethischen, politischen und historischen Folgen dieser Aktivitäten.

  2. Journalismus bezeichnet die periodische publizistische Arbeit bei der Presse, in Online-Medien oder im Rundfunk. [...] Journalismus trägt zur öffentlichen Meinungsbildung bei. [...],

    so die Definition aus der Wikipedia [extern]. Diese Definition hilft, die Frage zu beantworten, ob die Tätigkeiten von Wikileaks journalistischer Natur sind. Ganz offensichtlich, das zeigt die Berichterstattung über die Berichterstattung in letzter Zeit, beeinflusst das Veröffentlichen von Verschlussdokumenten die öffentliche Meinung, und zwar was die Rezeption in klassischen Medien bzw. digitalen Medien angeht in zunehmend antithetischer Weise. Während die "Netzgemeinde" jede Veröffentlichung ("Leaking") fanatisch feiert ob des bloßen Vorganges, schlachten die klassischen Medien das dargebotene Material gnadenlos zur eigenen publizistischen Nutzung aus.

    Eines jedoch spricht gegen eine journalistische Tätigkeit: Das vorhandene Material wird nicht bearbeitet, bewertet oder anderweitig aufbereitet. Niemand geht auf Wikileaks um Informationen aus erster Hand zu bekommen, sondern wir alle lesen nur in anderen Medien über das, was Wikileaks veröffentlicht hat. Wikileaks arbeitet deswegen nicht journalistisch, sondern wie ein Mittelsman: Weder besorgt Wikileaks das Material selber, noch publiziert es für eine breite Öffentlichkeit. Wir haben neben der Rolle von Wikileaks also auch die Aspekte der Beschaffung und publikumsmediunbedingtealen Veröffentlichung seperat zu untersuchen.

  3. Wie ist das Verhalten der Informanten zu bewerten, die Wikileaks geheime Dokumente zuspielen? Der wichtigste Aspekt dabei ist wohl, dass sich die Informanten dadurch eine Verbesserung der Situationen erhoffen. Betroffene Staaten oder Unternehmen werten dieses Verhalten oft als Hochverrat oder Industriespionage, sofern der Informant sich ermitteln lässt. Während dieses Urteil sachlich zutreffend ist, muss man sich fragen, ob es auch moralische Gültigkeit hat. Ich will hier nicht in Abrede stellen, dass auch die größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte auch mit den Worten "ich hab's nur gut gemeint" begannen, aber auf einen moralischen Maßstab müssen wir uns nun einmal einigen. Als unverbesserlicher Idealist ist meine Position die Kants, wenn er in seiner Spätschrift mit dem zugegebenermaßen pathetischen Titel "Zum ewigen Frieden" Offenheit und Transparenz der politischen Entscheidungsfindung als oberstes Prinzip der Friedenssicherung erkennt. Und tatsächlich ist die Veröffentlichung von Dokumenten einer demokratischen Regierung kein Hochverrat, sondern Dienst an der Menschlichkeit. Müssen wir uns nicht fragen, welches Ziel eine demokratische Regierung, die das eigene Volk über politische Tatsachen täuscht damit verfolgt? Das Argument, man dürfe nicht zulassen, dass Staatsfeinde, wie fundamentalistische Terroristen Einblick in sensible Informationen erhielten kann man nicht gelten lassen, wenn es dem Recht des einzelnen Staatsbürgers Kontrolle auf seine, von ihm legitimierte Regierung auszuüben zuwider läuft. Diese Position ist in vielerlei Hinsicht genauso radikal wie diejenige, die die unbedingte Beschneidung der individuellen Freiheiten fordert, um der Gemeinschaft willen, nur vergisst diese wieder einmal, dass Freiheit aller nur aus der unbedingten Freiheit des Einzelnen hervorgehen kann. Menschen die Wikileaks Informationen zuspielen handeln (zumeist) im Interesse der Gemeinschaft, und nicht ihrer entgegen. Ihre strafrechtliche Verfolgung ist womöglich zulässig, unter obiger Argumentation aber höchst kontrafaktisch. Ein Soldat, der unter voller Billigung seiner Strafe wider seiner Regierung Informationen über die Situation in Irak oder Afghanistan offenlegt macht sich mehr um die Freiheit seines Volkes verdient, als jeder Politiker, der ihn bestraft sehen will.

  4. Die Eigenschaft von Information, dass sie beliebig kopierbar ist, ist ohne Zweifel Segen und Fluch zugleich. Während eine Chance freier Gesellschaften der unbeschränkte Zugang zu Wissen und Informationen ist, steht ausser Frage, dass zerstörerische Kräfte diese Informationen auch zur Schädigung des Staates, der diese Freiheiten erlaubt nutzen können und werden. Wenn Wikileaks also Informationen veröffentlicht, die Leib und Leben seiner Staatsbürger gefährdet, muss dann nicht der betreffende Staat eingreifen und den Schutz des einzelnen über die Freiheit aller stellen? Ja, das muss er. Aber dies muss gewichtet geschehen. Wikileaks muss sich tatsächlich vorwerfen lassen, bisweilen allzu unvorsichtig zu veröffentlichen, aber der Umkehrschluss, dass man, wenn man die Gefahr einzelner Informationen nicht richtig bewertet, überhaupt nichts zu veröffentlichen hat, ist grob unsinnig. Boshaft mag man anmerken, dass eine Regierung, die der Öffentlichkeit Informationen vorenthält sich nicht wundern muss, wenn mehr herauskommt, als man von sich aus hätte preisgeben müssen oder vorenthalten wollen, um die Öffentlichkeit zufrieden zu stellen. Insofern ist die ein Aufruf an alle demokratischen Regierungen, Offenheit zu wagen, uns nichts vor zu enthalten, gerade wenn es unbequem ist. Wenn der Preis der Freiheit ist, dass auch Terroristen alles über uns wissen, dann bin ich für meinen Teil bereit ihn zu tragen. Mehr noch, ich bin der festen Überzeugung, dass dieses Vorbild der Offenheit zu weit mehr Verständnis beiträgt als Folter und Unterdrückung im Namen von Freiheit und Menschlichkeit, auch wenn es nicht überall gleichermaßen verstanden wird.

  5. Wenn man die Aufschreie von Politikern und anderen Personen hört, die von Wikileaks direkt oder mittelbar "diskreditiert" werden so verfolgt kann man den Eindruck erhalten, dass es sich bei der Organisation um eine mafiöse, fundamentalistische Struktur handelt. Das Gegenteil ist der Fall: Informationen, die Wikileaks verbreitet, wurden ja bereits veröffentlicht, und zwar von jenen Personen, die wir im letzten Punkt untersucht haben. Rechtlich gesehen ist es momentan in fast allen Staaten legal, weitergegebene Informationen zu veröffentlichen. Die Schuld bleibt also bei den originären Informanten. Die Umkehrung dieses Prinzips wird auch konsequent ad absurdum geführt, wenn man sich klar macht, dass sonst jeder Rezipient von geleakten Informationen strafbar wäre; Wikileaks ist genauso ein sekundärer Rezipient, wie wir es sind, wenn wir geleakte Informationen in Medien konsumieren, die ihrer Informationspflicht nachkommen. Das Bestrafen für die Weitergabe von Daten an Dritte mag zulässig sein, je nachdem wie die jeweilige nationale Jurisdiktion diesen Tatverhalt definiert, aber diese Dritten müssen von der Meinungsfreiheit und dem Recht zur freien Publikation in Bild und Schrift geschützt sein, sonst stehen diese Prinzipien selbst in Frage. Wer Wikileaks für das bestraft, was sie tun muss zuvor wesentliche Grundrechte ausser Kraft setzen. Hoffen wir, dass die Furcht vor dem Mut zur Wahrheit nicht letztlich genau dazu führt.

  6. So eindeutig wie die rechtliche Lage im Moment bei zugegebenermaßen oberflächlicher Betrachtung auch scheinen mag, die gewichtigere Frage ist es, ob es moralisch gut zu heißen ist, geheime Informationen weiterzugeben, gerade wenn man es organisiert tut. In obiger Betrachtung sind bereits einige Faktoren dazu benannt worden. Erstens kann ein demokratischer, auf freiheitlichen Grundwerten beruhender Staat sich nicht an der Veröffentlichung von Tatsachen stören, solange nicht Leib und Leben von etwaigen Staatsbürgern unmittelbar dadurch bedroht wird, z.B. dadurch, dass strategische oder taktische Einzelheiten von Soldatan im Kriegseinsatz oder exekutiven Organen (z.B. den Staatsoberhäuptern) veröffentlicht werden. Die Folgerung ist an dieser Stelle klar: Bei Berichten über Misshandlungen von Gefangenen wiegt die Mitteilung über die unmittelbare Verletzung von Menschenrechten schwerer als die Befürchtung, dass etwaige Feinde Rache dafür nehmen könnten. Die Handy-Nummer von Präsident Obama oder Bundeskanzlerin Angela Merkel ist jedoch nicht von öffentlichem Interesse.

    Zweitens wird gerne etwas vergessen, was für die Existenz der individuellen Freiheiten unabdingbar ist, nämlich, dass ihre Erhaltung eine kontinuierliche Kraftanstregung ist. Dazu gehört vor allem, dass unbequeme Dinge jemanden finden, der sie ausspricht. Dass in globalisierten, vernetzten Zeiten dazu eine Internetorganisation das geeignetste Mittel scheint ist eine Diskussion für sich, vielleicht auch über direkte Demokratie wert. Nur klar ist auch, dass Wikileaks bisweilen etwas Bescheidenheit und Besonnenheit im umgang mit den Veröffentlichungen gut stehen würde, wenn man sich klarmacht, dass in zunehmender Weise Veröffentlichungen wie Effektheischerei wirken. Diesen Vorwurf kann man genauso den rezipierenden Medien machen, aber die Wikileaks Foundation könnte selbst mehr tun, um Veröffentlichungen weniger pompös zu machen. Klar ist, dass dies mittlerweile zum Handwerk gehört. Der Glaube, dass Bescheidenheit angemessen ist für Wahrheiten, die für sich selbst sprechen können, scheint manchmal unangebracht in Zeiten in denen etwa Jahreshoroskope Umsatzrekorde melden, aber genau diese Bescheidenheit kann es auch sein, die Wikileaks Authentizität und Ehrbarkeit wiedergibt.

    Inwiefern an dieser Stelle eine Anklage gegen Julian Assange, das Gesicht der Foundation eine Rolle spielen sollte hat mich eine Weile beschäftigt. Da dieser Fall jedoch keine rechtliche Interdependenz mit der Wikileaks Foundation hat werde ich dazu keine Meinung abgeben. Lediglich die Feststellung, dass eine Verurteilung Assange für Wikileaks untragbar machen würde, aber auch dies kann keinen Einfluss darauf haben, wie man über Wikileaks als solches moralisch urteilt.

  7. Sehr wohl urteilen sollte man über die sogenannten selbsternannten "Unterstützer", die Internetserver hacken oder überlasten um die "Macht des Netzes" zu demonstrieren. Die Attacken gegen Unternehmen, die Wikileaks das Verwalten und Erhalten von Spenden ermöglichten und dann aus mehr oder weniger fadenschneidigen Gründen eingestellt haben sind nichts als digitaler Vandalismus. So sehr es zu verurteilen ist, dass PayPal und Co. sich politischem(?) Druck beugen, in der breiten Öffentlichkeit führen Online-Atacken nur dazu, dass die Sache an sich, die Veröffentlichung von unbequemen, geleakten Informationen nämlich, selbst diskreditiert wird. Jeder, der DDoS-Angriffe im Namen von Wikileaks oder Web-Gurus fährt sollte sich fragen, ob er auch Steine auf Banken schmeißen würde, wenn es das Netz nicht gäbe. Die Schwelle zu zivilem Ungehorsam mag im Internet geringer sein, aber das macht die Rechtsbeugung an dieser Stelle nicht geringer. So sehr wir uns auch der Wahrheit verpflichtet fühlen, wir müssen uns stets daran erinnern, dass unrechtliche Mittel nur dann angemessen sind, wenn die freiheitliche Ordnung bereits zusammengebrochen ist, und zu solchen Annahmen gibt es bei allem geleakte und gehacke nun wirklich noch keinen Anlass, auch wenn der nächste Punkt hier eine Warnung darstellt.

  8. Genauso wie Hacker-Angriffe auf Unternehmen, die Wikileaks die Unterstützung entziehen zu verurteilen sind, ist es politische Einflussnahme auf ebenjene Unternehmen. Überlegungen wie man Wikileaks buchstäblich den Saft abdrehen kann sind aus der Perspektive von diskreditierten Politikern und Unternehmern nachvollziehbar, aber unangemessen. Die einzige Möglichkeit, Wikileaks loszuwerden ist, nichts zu verheimlichen. Natürlich, für Unternehmen gilt, dass Geschäftsgeheimnisse gewahrt werden müssen und für Staaten gilt, dass ihre Bürger geschütz werden müssen, aber darüber hinaus ist es unabdingbar nötig alle Aktivitäten öffentlich zu machen, die diesen Gefahren nicht zuwider liegen. Im Grunde ist es beispielsweise nicht hinnehmbar, dass zum Beispiel der deutsche Bundeskanzler einen Etat zur Verfügung hat, über den er dem Bundestag im Haushalt keine Rechenschaft abgeben muss und jeder Staatsbürger sollte das Recht haben, Einsicht zu erhalten. So lange solche und viel schlimmere Versäumnisse von Wikileaks veröffentlicht werden, so lange wird sich auch ein anderer finden, der leakt, sollte man der Schlange einen Kopf abhacken, so wie es schon früher Leute gab, die der Presse Informationen zugespielt haben, und sei es, weil sie sich persönliche oder überparteiliche Vorteile davon erhofften.

  9. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass diese Darstellung verkürzt und in ihrer derzeitigen Form möglicherweise verfälschende Meinung zeigt. Das ist Absicht. Hiermit bekräftige ich noch einmal, dass meine Gedanken hier rein persönlich sind und keinerlei rechtliche Maßgabe darstellen, sondern nur so gut wie möglich allgemeine Tatsachen widergeben. Sollte jemand das Bedürfnis haben meine Server zu hacken weil ich ihn Vandalen genannt habe oder mich diskreditieren wollen ob meiner Unterstützung für Wikileaks, ist das akzeptabel, sobald er nachweisen kann, dass er den Artikel gelesen und verstanden hat.

  10. Die Folgerung aus den ersten acht Punkten ist unmittelbar: Die Welt braucht Wikileaks, weil es zu viele Dinge gibt, die in guten Absichten verheimlicht werden. Für demokratischen Staaten gilt, dass sie gut daran tun, sich zu erinnern, dass sie ihren Bürgern nichts verheimlichen müssen. Wir alle wissen, dass die Freiheit ihren Preis hat, ebenso wie unbequeme Wahrheiten. Vermeintlich umfassende Sicherheit einzutauschen gegen umfassende Information und umfassende persönliche Freiheit wäre ein Gewinn, kein Schreckensszenario, auch wenn wir anerkennen müssen, dass die Existenz von persönlicher Freiheit immer ein Kompromiss sein wird, weil Verheimlichung und Vertuschung letzlich Teil der menschlichen Natur sind.

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Zehn Thesen zur Bundespräsidentenwahl

in Gesellschaftskritik, Politik , by Fabian Transchel

Die Bundesversammlung hat gesprochen. Im dritten und somit letztmöglichen Wahlgang ist Christian Wulff mit 625 Stimmen aus den Fraktionen von CDU/CSU und FDP zum zehnten deutschen Bundespräsidenten gewählt worden. Ein kleines bisschen Analyse und ein kleines bisschen mehr Schadenfreude in zehn Thesen.

  1. Die Tatsache, dass Christian Wulff nun einmal Niedersachse ist und wir ihn in Hannover endlich los sind, ist Grund zu Freude genug. Der ganz anders charakterisierte McAllister als designierter Nachfolger wird einiges anders machen, aber es bleibt abzuwarten, ob er den "sympathischen" Ministerpräsidenten so ersetzen kann, dass Schwarz-Gelb in Hannover über 2013 hinaus besethen bleiben kann. Genug Zeit hat er also, dennoch muss man erst sehen, welchen Einfluss die Bundespolitik auf die politische Entwicklung Niedersachsen hat, doch dazu später mehr.
  2. Boshaft ist auch der Gedanke, dass Wulff auch in Hannover drei Wahlen brauchte, bis er (Minister-)Präsident wurde. Zugegeben, der politische Gegner (der im Gegensatz zu Wulff ja durchaus Ambitionen zur Kanzlerschaft wahrgenommen hat...) war vielleicht nicht charismatischer als Gauck, aber zumindest in Niedersachsen deutlich beliebter. Noch boshafter könnte man auch sagen, dass er nur deshalb Ministerpräsident geworden ist, weil Gerhard Schröder sich selbst nach Berlin wegbefördert, denn ob er ein drittes mal gegen ihn angetreten wäre, darf guten Gewissens bezweifelt werden. So könnte es Schwarz-Gelb in Hannover am Ende genauso gehen wie Rot-Grün zuvor, nämlich dass man nach der Abberufung des Zugpferdes mit blassem Kandidaten dem Gegner das Feld räumen muss.
  3. So groß die Auswirkungen auf Niedersachsen vielleicht auch sein mögen (und die geneigte Leserschaft, die aus meinem Umfeld stammt, vielleicht auch interessiert), die bundespolitischen sind dann doch viel spannender. Zunächst einmal ist die Tatsache zu zerreden, dass drei Wahlgänge nötig waren, weil in den ersten beiden 44, bzw. 29 Abgeordnete der Schwarz-Gelben Koalition nicht für Wulff votierten. Hier steht die Kanzlerin zuvorderst in der Verantwortung. In den kommenden Tagen wird man vielerlei Angehöriger ebenjener Koalition sagen hören, dass dieses Ergebnis der Tatsache geschuldet sei, dass man den Wahlmännern die Entscheidung zunächst freigestellt habe. Diese ebenso durchsichtige wie sachlich falsche Behauptung wird schon darin entkräftet, dass in jenem Szenario keine Notwendigkeit bestand, sich im dritten Wahlgang, in dem ja eine einfache Mehrheit ausreicht, umzuentscheiden. Wer vorher nicht für Wulff war, der war es sicher im letzten Wahlgang auch nicht. Nur, wo kamen die fehlenden Stimmen, die ihm am Ende dann doch eine absolute (aber nicht absolut benötigte) Mehrheit brachten, her? Ganz klar, das Wort der Stunde, das Schwarz-Gelb zu zerreden versuchen wird, lautet Fraktionsdisziplin. Letztlich haben die Abweichler, oder poetischer U-Boot-Abgeordnete, mit ihrer Wahl ja eine Aussage treffen wollen. Dafür gibt es mehrere mögliche Interpretationen:
  4. Naheliegend ist die Kombination der Motive, Angela Merkel für ihre Führungsschwäche abstrafen zu wollen. Das ist nicht nur in herausragender Manier gelungen, sondern unterstreicht selbst umso mehr, wie wenig man der Kanzlerin noch folgen mag. Christian Wulff ist in dieser Lesart nur deshalb im dritten Wahlgang gewählt worden, weil seine Niederlage auch unmittelbar die Niederlage und Demontage der Abweichler selber bedeutet hätte - und dazu sind Wahlmänner in einer Bundesversammlung dann doch politisch genug, dieser nicht ganz so verlockenden Option zu erliegen. Na gut, wenigstens 19 von ihnen hatten auch im letzten Durchgang Schneid (oder Wut) genug, genau dies zu tun.
  5. Die Zweite Option, mit der man rechnen muss ist die Frage, ob Christian Wulff als sympathischer und mächtiger Landesfürst, der selbst stets betont hat, sich nicht in der Bundespolitik zu sehen, nicht wirklich nur ein Notnagel war, weil Angela Merkel niemand besseren aufbieten konnte (oder: wollte) oder weil sie einen der letzten Mächtigen neben sich in der Partei (Rüttgers abgewählt, Koch von selbst zurückgetreten...) endlich loswerden wollte, denn, so ehrlich muss man sein, nach seiner Präsidentschaft ist Wulff, dann Mitte Fünfzig, politisch verbrannt. Sollte letzteres Merkels Kalkül sein, so muss man sich fürchten, dass sie sich nunmehr noch mehr als zuvor auf der Machtfülle in Partei und Kanzleramt ausruhen wird und man darf sicher sein, dass Schwarz-Gelb ein jähes unrühmliches Ende droht. Sollte ersteres zutreffen, darf man wenigstens die Erkenntnis erwarten, dass diese Abstrafung aus der eigenen Partei auch eine Zäsur in der schwarz-gelben Problemehe bedeuten muss.
  6. Angela Merkel ist so alternativlos wie nie in der Union, alle starken Männer abgesehen von Guttenberg, der sich nach der Kunduz-Affäre zumindest zurzeit auffällig bedeckt hält hat sie ausgeschaltet. Man darf hier auch bedenken, dass Guttenberg vielleicht nur deshalb nicht vorgeschlagen wurde, weil er de jure zu jung ist, aber das geht dann wohl doch zu weit. Spannend wird zu beobachten sein, wie Merkel nun die Partei wieder zur Geschlossenheit aufrufen wird und wie die Grabenkämpfe zwischen Union und Union und Union und FDP umso grässlicher weitergeführt werden.
  7. Allein die Chuzpe, die FDP-Generalsekretär Linder besaß, nur einen Tag vor dieser verhängnisvollen Wahl die umstrittenen Hotel-Subventionen in Frage zu stellen zeigt, dass die FDP nur noch das Interesse hat, möglichst schadlos, aus dieser zerrütetten Ehe herauszukommen und dabei die Fünf-Prozent-Hürde möglichst schnell wieder zu nehmen, denn auch den Gelben in Berlin und anderswo ist klar, dass der Bürger sieht, dass Gelb nicht mehr zu Schwarz passt (warum, siehe unten), und das 15% in Land oder Bund auf Jahrzehnte ausgeschlossen sind, wenn man es jetzt nicht schafft wieder das in der Koalition hoffnungslos verloren gegangene Profil aufzubauen. (Vermutlich sind 15% auch bei erfolgreicher Profilierung gegenüber der Union ausgeschlossen, aber dann vor allem, weil die Mitte ohnehin immer enger wird.)
  8. Die gegenseitigen Anfeindungen, die diese Koalition prägen wie in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte noch nie haben viele Gründe, die nach und nach zum Tage treten. Zunächst ist festzustellen, dass seit der letzten Landtagswahl in Bayern die CSU auch dort mit den Liberalen koaliert, was gehörig am alteingesessenen csu-bayerischen Selbstvertrauen nagt. Damit nicht genug, muss man es auch in Berlin mit ihnen aushalten. Dass dieses ungeschickte Verhalten womöglich gar die Erbmonarchie Mehrheitsverhältnisse in Bayern nachhaltig verändern könnte sehen die CSU-Oberen freilich nicht, aber auch Bayern wird verloren gehen, wenn man sich nicht bald zünftig verträgt. Der FDP ist an dieser Stelle aus meiner Sicht kaum ein Vorwurf zu machen, denn als kleiner Koalitionspartner muss man sich immer gegen den größeren profilieren, will man nicht in der nächsten Wahl vom Souverän mit dem Argument abgestraft werden, dass ja ohnehin mehr Gestaltungsmacht beim größeren Partner lag, warum also nicht gleich den wählen. Das heißt nicht, dass die FDP sich hier mit Ruhm bekleckert, sondern dass es sich dabei um eine Art Selbsterhaltungstrieb handeln muss.
  9. All diese Festellungen sind Nebenkriegsschauplätze, verglichen mit der antriebslosen Apathie, die in Berlin im Kanzleramt residiert. Worin diese Führungs- und Gestaltungsschwäche begründet liegt kann man von außen sicher nur raten, zumindest aber dergleichen Phänomene aufzeigen und verurteilen. Deutschland hat, wenn ich mich dieser durchaus populistischen Phrase bedienen darf, mehr verdient als eine Kanzlerin der eingeschlafenen Füße, die einen Kanzler der ruhigen Hand ablöste und deren Dynamik irgendwie auf dem Weg zur zweiten Legislaturperiode verloren ging. Vielleicht ist der Mangel an Konkurrenz, den Angela Merkel sich nach und nach geschaffen hat der Grund dafür, keine mutigen Entscheidungen zu treffen.
  10. Wenn niemand in der eigenen Partei (man denke an den Präsidenten von Angelas Gnaden, der nun brav Schloss Bellevue zu hüten hat, den Ministerpräsidenten aus NRW, der mit voller Kraft in der Mitte der Gesellschaft strandete oder dem müden Machtmenschen aus Hessen, der nun sein eigenes Süppchen kocht) oder dem Koalitionspartner (Guttenberg, dessen Glanz sich wohl oder übel noch immer nicht aus Kunduz zurückgemeldet hat, oder Westerwelle etwa, dessen politisches Geschick auf Dauerauslandsreise ist) niemanden mehr findet, der begründet (und nicht polemisch und reflexartig, wie es all die Parteisoldaten auf den Nebenkriegsschauplätzen selbstzerfleischenderweise tun) widersprechen und mitgestalten kann, dann ist Angela Merkel nicht nur eine einsame, sondern auch eine machtlose Kanzlerin geworden, auf dem vermeintlichen Höhepunkt ihrer Gestaltungsoptionen in der Partei. Zur Erinnerung, noch immer stellte Schwarz-Gelb die Mehrheit in der Bundesversammlung, und es bedarf eines Horst Köhlers, Angela Merkel den Spiegel vorzuhalten. Christian Wulff ist zu beneiden. Er wird müßig von der Bellevue aus verfolgen, wie sich diese Regierung selbst zerlegt, müßig Rücktrittsgesuche an- und Regierungsneubildungen vernehmen. Und vielleicht denkt er schon heute, wie gut, dass er nicht mehr für Angela Merkel in die Bresche springen muss, wie gut, dass der Bundespräsident Berlin nicht sagen muss wie es zu regieren hat. Was Horst Köhler sich selbst um sein Amt bringen ließ wird Wulff niemals passieren, dafür ist zu parteitreu und ambitionslos. Vielleicht ist das ja auch genau, was Angela Merkel von ihm erwartet.
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Zehn kulturlose Anmerkungen

in Gesellschaftskritik, Philosophisches , by Fabian Transchel

Mir wurde neulich vorgeworfen, ich sei (als Deutscher) kulturlos, weil ich mir keine Mühe gäbe, mit unseren anglophonen Postdocs Deutsch zu sprechen, auch aber nicht nur ausserhalb der Uni. Im Gegenteil, es sei nicht nur vorgeschobene Höflichkeit, die mich Englisch sprechen ließe, sondern die Verleugnung der deutschen Kultur an sich, dass ich nicht darauf bestünde in meinem Land meine Sprache zu sprechen, schließlich würden (beispielsweise) Franzosen auch keine Rücksicht nehmen, wenn ich in Frankreich kein Französisch sprechen könne. Soviel zur Vorgeschichte.

Was folgt sind zehn boshafte, zutiefst gekränkte Richtigstellungen eines Kulturlosen.

  1. Richtig ist, dass teilweise Bequemlichkeit der Grund dafür ist, mit anglophonen Postdocs kein Deutsch sprechen zu wollen. Sie können Englisch, ich kann Englisch, so what?! Die Existenz einer Lingua Franca in der akademischen Welt ist nicht nur hilfreich, sondern uneingeschränkt notwendig zur effektiven neuzeitlichen Forschung. Noch vor dreißig Jahren musste, wer international (in den Naturwissenschaften) anerkannt forschen wollte, Englisch, Deutsch, Französisch und Russisch beherrschen, um all die verschiedenen Forschungsbeiträge zusammentragen zu können. Insofern ist es uneingeschränkt positiv, dass eine Sprache ausreicht um alle internationalen Veröffentlichungen rezipieren zu können. Gar zu fordern, dass dies doch bitte zufällig die eigene Muttersprache sein müsse, ist, gelinde gesagt, arrogant.
  2. Englische Gespräche mit einem australischen Postdoc (der mein Co-Betreuer ist) sind für mich ausserordentlich gewinnbringend. Sicher, mein Akademikerenglisch würde sich auch im Dialog mit einem radebrechend schwafelnden chinesischen Betreuer verbessern, aber gewiss nicht in der vorliegenden Geschwindigkeit. Ich glaube nicht, dass ich Gefahr laufe, australischen Akzent zu assimilieren, aber mein Vokabular hat sich bereits merklich gebessert. Danke, Mick!
  3. So, jetzt wollen wir aber die Kurve zu hochsprachlicher Auseinandersetzung mit Kultur (oder gerade des Fehlens einer solchen) kriegen. Dazu zunächst eine Definition: Kultur ist die Grundgesamtheit aller Lebensaspekte, die gestalterische Methoden und inhärente Verhaltensmuster umfasst, ohne sie freilich zu erschöpfen. Kultur ist ferner ein komparatives Abstraktum, das Bevölkerungsgruppen hinsichtlich Lebensgewohnheiten und schöpferischer Tätigkeit gegeneinander abgrenzt. Das wirft bereits die Frage auf, inwiefern man einem Individuum Kulturlosigkeit vorwerfen kann, indem man es als Teil einer Gruppe auffasst. Ich kann mir wohl kaum (nur) deutsche Kultur zueigen machen, wenn ich darüber hinaus keine weitergehenden Eigenschaften aufwiese, denn dann wäre ich vollkommen Gesichtslos und ohne eigene Auffassungen. Das bedeutet nicht, dass ich nicht Weimarer Klassik schätzen darf, sondern nur, dass ich nicht ausschließlich Goethe lesen kann. Genauso könnte man dann jemanden dafür kulturlos schelten, dass er lieber Nudeln und Pommes statt Bratkartoffeln isst.
  4. Die Folgerung, dass individuelle Kultur eine Superposition von Kultureinflüssen vieler verschiedener Gruppen ist, bedingt, dass individuelle Kulturlosigkeit auch nur eine solche Kulturlosigkeit in Teilaspekten mit sich bringen kann. Kulturlosigkeit bedeutet letztlich nichts anderes, als dass jemand, der sich für kultiviert hält, Aspekte meines Lebenssstils nicht teilt und jeweils pars pro toto entscheidet, dass ich überhaupt keine Kultur habe. Ich stimme uneingeschränkt damit überein, dass ich in dieser Hinsicht die deutsche Kultur in all ihren Facetten nicht genug würdige und schütze. Diese Einschätzung birgt jedoch die Erkenntnis, dass Kultur ein statisches Objekt sei, dass inhärent einem jeden gleich erscheinen müsse, sondern gar, dass ich als Teil einer Gruppe auch dafür zu sorgen habe, dass dieses Objekt statisch bleibt, das ist dann das, was man "Tradition erhalten" oder ähnlich nennt. Mitnichten! Kultur ist das, was man bekommt, wenn Menschen sich frei entfalten und verwirklichen können, gerade ohne darüber nachzudenken, was sie im Sinne der objektiven Kulturbegriffe tun und schaffen sollten.
  5. Dies vorangeschickt, können wir nun folgern, dass Kultur ein dynamischer Prozess ist, der die Gesellschaft (oder die betrachtete Untermenge der Gesellschaft) definiert und von ihr definiert wird. Was wir schaffen, verändert uns.

    Dem kann man kritisch gegenüberstehen. Es gibt die Position, dass der Mensch im Informationszeitalter durch Twitter, SMS & Co. zum Inhalts-Fastfood-Konsumenten verrohe. Die objektive Beobachtung dazu ist, dass die Kultur einer Teilgruppe (der digital natives, also der jungen Menschen, die mit der vernetzten Welt aufwachsen) zunehmend verrohe. Die objektive Deutung davon ist, dass das Ende des Abendlandes bevorsteht.

  6. Natürlich teile ich die Meinung, dass Ende des Abendlandes stünde bevor, in dieser Hinsicht nicht. Zunächst einmal ist diese Deutung alles andere als objektiv, und meine Gegenthese ist, dass das Abendland sich nur verändert - und seine Kultur mit ihm. Veränderung ist notwendig, um unseren Fortschritt sicherzustellen, so eine gängige Phrase. Nun kann man dagegen halten, ob Fortschrittsgläubigkeit, sogenannte Technokratie, überhaupt noch zeitgemäß sei. Stillstand jedoch bedeutet Verfall (und, um Guido Westerwelle unzulässigerweise ausserhalb des Zusammenhanges zu zitieren: "Dekadenz".) Deswegen muss, um die kulturelle Weiterentwicklung sicherzustellen, der technologische und soziologische Fortschritt die Möglichkeiten schaffen, unsere Kultur weiterzuentwickeln.

    Als Beispiel: Es hat einen Grund, warum wir nicht mehr auf Steintafeln schreiben oder Tierfelle als Kleidung tragen, auch wenn es eine Zeit gegeben haben mag, in der genau diese Veränderung als kulturlos gescholten wurde.

  7. Die Kultur folgt dem Fortschritt, bedingt ihn aber nicht selbst. Ein gutes Beispiel dafür ist dieses ZehnDinge-Blog: Ohne die Internettechnologien gäbe es diese wundervolle Ausdrucksform nicht, ohne Grundrechte dieses Landes dürfte ich diesen Mist hier nicht schreiben, und es stellt ohne Zweifel eine (zugegeben, ausgefallene) Form der Kultur dar, nützt aber in keiner Weise dem Fortschritt.
  8. Die Frage, ob die deutsche Kultur an der Appelstraße verteidigt wird, stellt sich nicht, denn ich kann garnichts anderes tun, als meine eigene Kultur zu erhalten und entwickeln und die ist im einen oder anderen Aspekt deutscher oder undeutscher, als bei jemand anderem. Die Frage erschöpft sich letztlich ja nicht darin, ob ich auch über die Fußballweltmeisterschaft hinaus Fahnen an meinem Auto habe, ob ich es gut finde, dass Florian Silbereisens Volksmusik Marktanteile verliert, ob ich es gut finde, dass Lena deutsche Musikexportweltmeisterin wird. Die Frage ist, ob ich es schaffe meine eigene Auffassung von Kultur von dem abzugrenzen, was alle anderen machen. Nicht, um der Abgrenzung willen, sondern um der Kulturdiversität willen. Ich habe nichts gegen Nationalstolz einzuwenden, aber der sollte sich nicht dadurch ausdrücken, dass ich acht Fahnen statt einer an's Auto mache, und Schland statt Deutschland gröhle, sondern dass ich mir was Neues einfallen lasse statt einfach Nachzumachen und zu Übertreiben.
  9. Eine weitere These lautet, dass die deutsche Kultur in Vergessenheit gerate. Das denke ich nicht. Zum einen muss man sich klar machen, dass die deutsche Kultur als status quo ohnehin nur externe Beobachter einschätzen können. Wenn man sich in ausländischen Medien umsieht bemerkt man immer wieder, dass das Bild von Deutschland in der Welt gemeinhin viel positiver ist, als das was wir von uns selbst haben. Ob das nun an einer (Achtung, ambige, weil polymorphe Verwendung des Wortes:) Kultur des Schlechtredens liegt oder der Deutsche ansich einfach immernoch viel zu wenig internationales Selbstbewusstsein aufweist ist sicher weitere zehn Thesen wert. Zur Erinnerung: Kulturlos ist einzig, wer sich nicht weiterentwickelt. Und das pawlowsche Fixieren auf eine wohldefinierte Aussenwirkung (ob auf internationaler oder persönlicher Ebene) kann sicher von Stillstand nicht unbedingt unterschieden werden. Sei die deutsche Kultur doch, von allem das Beste zusammenzufügen! Man muss nicht bis Helene Hegemann gehen um zu erkennen, dass auch Kultur (ganz ähnlich wie Wissenschaft) auf den Schultern von Riesen entsteht.
  10. (Platz für Weiterentwicklung.)
  11. [1] Anmerkung der Redaktion (also von mir): Aus zwei Gründen gibt es ab sofort erstmal keine Audiofassungen der Artikel mehr. Erstens kostet es viel mehr Zeit, eine ordentliche Audiofassung zu erstellen, als ich gedacht habe. Im Interesse der Aktualität des Blogs fallen diese also weg. Zweitens kostet es auch Transfervolumen, megabytegroße Audiofiles anzubieten. So erfreulich es ist, dass ich viele Zugriffe auf die Audiofassungen verzeichnen kann, so bedauerlich, dass ich das nicht werde bezahlen können, sollten sich Zugriffe und Artikelanzahl weiter vergrößern. In diesem Sinne ist es zielführender die Audios gleich wegzulassen, da ich hoffe, dass so insgesamt weniger Leser enttäuscht sind.

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